Daheim bei Admetos, da ist's lustig
"Alkestis" zu Weihnachten - an den Kammerspielen

München - Es weihnachtet sehr. Da richtet ein Theater sich gerne mal nach dem herrschenden Zuschauergeschmack, bringt leichte Muse und Buttergebäck. Auch die Münchner Kammerspiele reiten auf der adventlichen Welle. Da gibt es reihenweise "Zimt & Sterne" im Glasspitz des Neuen Hauses, schöne Musik von Franz Wittenbrink arrangiert, quasi zum reinfeiern in den heiligen Abend und gleich nochmal zum wieder rausfeiern. Patrick Barlows heiterer "Messias" erscheint gar "nur im Dezember in der Jutierhalle!"... Und besonders gut machen sich auch immer die großen Klassiker - die ziehen natürlich. Heuer gibts Euripides' "Alkestis" in Jossi Wielers Regie zwischen den Jahren. Unser Redakteur Josef Bairlein hat sich bei Admetos mal ein bißchen umgesehen.


Die liebe Familie: Michael Wittenborn (Admetos), Melanie von Sass (Perimele), Benjamin Mährlein (Eumelos), Nina Kunzendorf (Alkestis)
Photographie: Ruth Walz, Münchner Kammerspiele

Finden sich Grundmauern eines alten, antiken Bauwerks, so können diese unter einer Glasplatte geschützt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Oder man integriert das Ganze in die Inneneinrichtung. Im Keller der Kammerspiele, auf der Probebühne 1 befindet sich eine derartige Anordnung: Teil eines Bühnenbildes. Ausgegraben wurde "Alkestis" von Euripides. Chic, nicht?

Ein Stück, das weder Tragödie noch Komödie ist, sondern irgendwas dazwischen. Thematisiert wird das Sterben, das Loslassen. Die Katastrophe steht am Anfang; am Schluss ein Happy End. Regisseur Jossi Wieler verstellt zusammen mit Tilman Raabke diese Dramaturgie: das Stück wird zur komischen Familientragödie, das Ende zur Katastrophe, und der Anfang?
Der Bühnenraum ist schwach beleuchtet. Morgendämmerung. Ein spießig-eleganter Salon ist zu sehen: Ledersessel und -bänke, holzvertäfelt die Wände, ein blauer Teppich, Bücher im Regal. Verschiedene Figuren treten auf. Nacheinander, darauf bedacht niemandem über den Weg zu laufen. Ein Telefon klingelt. Irgendjemand hält sich in einer Nische versteckt. Unheimlich beginnt dieser Tag. Es ist der Tag an dem Alkestis sterben muss. Es dauert eine ganze Weile, bis alle ausgekundschaftet haben, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hat. Jedem ist es peinlich. Doch dann macht man weiter wie gewohnt: Zeitung, Fernsehen; Croissants und Kaffee werden gereicht. Der Sohn des Hauses rezitiert ein Gedicht. Es darf geklatscht werden.

Alkestis - eine Frau, die aus Liebe stirbt? Im schwarzen Abendkleid mit Diamantarmreif betritt Nina Kunzendorf die Bühne. Kurze Haare, selbstbewusst. Wielers Alkestis ist eine Frau, die dem Glauben an Liebe schon längst abgeschworen hat. Sie lässt sich nicht von Admetos überreden an seiner Statt in den Tod zu gehen. Sie weiß, was sie will, lässt sich nichts diktieren. Sie stirbt nicht aus Liebe. Ihr Tod ist eine Selbstinszenierung. Sie opfert sich des Opferns willen - aus Egomanie. Wohlüberlegt ihre letzten Worte: Kalkuliert täuscht sie Bedenken über eine Wiederheirat ihres Mannes vor, und weiß dabei genau, dass er seine Finger nicht von Frauen lassen kann. Sie flößt ihrem Gatten Schuldgefühle ein - bewusst. Keine Umarmung, Koketterie. Geheuchelte Liebe um in die Geschichte einzugehen als eine Frau, die mehr liebt als alle anderen und mutig den Tod erwählt. Und dann stirbt sie. Kunzendorf legt sich seitlich auf die Lederbank. Geneigter Kopf. Ein Arm hängt nach unten - ganz nach griechischem Vorbild - stilisiert.

Wielers Inszenierung zeigt den Umgang mit dem Tod. Mit Hilfe dieser Extremsituation stellt sie soziale Kälte dar. Gezeigt werden Egozentriker, die um ihres gesellschaftlichen Ranges willen leben und sogar für ihren Status sterben. Die Aufführung würde berühren, würde doch ausschließlich dargestellt. Aber sie führt vor. Das Geschehen auf der Bühne wird kommentiert - und das durch Witz. Zu überzogen wirkt das Ganze um wirklich das Publikum zu treffen. Herakles wird zum Zeigefinger dieser Inszenierung: Er holt als Semi-Deus ex machina Alkestis aus dem Totenreich zurück und zwar nicht um das Paar wiederzuvereinen, sondern um aufzuzeigen und anzuklagen: Seine Worte sind Spott auf das Heuchlertum. Es reicht, wir haben verstanden.

Es ist beim Versuch geblieben. Beim Versuch, "Alkestis" aus ihrem Grab der Antike herauszuholen. Wir erkennen zwar die Szenerie und das gezeigte Leben zu Beginn als eine heutige Lebensform, aber im Rest der Inszenierung verschwindet "Alkestis" wieder hinter der Glasplatte und die Rolle des Herakles trägt das ihre dazu bei.

Es wird gespielt am 22., 25., 28. und 29. Dezember.
Informationen und Zugang zum Weihnachts-rund-um-Programm unter www.muenchner-kammerspiele.de

J. M. Bairlein
02.12.2002

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