"Keine Sau interessiert sich für mich"
Max Raabe gastiert mit der "Palast-Revue" in München

München - Seit gut zehn Jahren klagt Max Raabe mit "Kein Schwein ruft mich an" über mangelndes Interesse an seiner Person. Doch selbst bei der x-ten Aufführung der "Palast-Revue" beweist ihm das begeisterte Publikum im Deutschen Theater das Gegenteil.


Max Raabe
Photographie: Palastorchester

"Mit einer intelligenten, raffinierten und stringenten Handlung werden wir Sie heute" - Pause - "nicht behelligen". Ja, nicht nur die Pomade sitzt, als Max Raabe sein Publikum im Deutschen Theater begrüßt. Der Freund des trockenen Humors gastiert mit treffsicheren Pointen und seinem Palast-Orchester wieder für einige Herbstwochen in München. Man könnte sagen: "The same procedure as every year", denn das Programm ist gleich geblieben. Der Erfolg der "Palast-Revue" in den deutschsprachigen Ländern sowie den Vereinigten Staaten aber gibt den Musikern recht. Zwar spielen sie diesmal in längst nicht ausverkauftem Haus. Doch bleibt beim Alten, dass die Zuhörer bereits nach seinem ersten Satz begeistert applaudieren, während Raabe sich allenfalls zum Rümpfen der linken Augenbraue verleiten lässt.

Sogleich lässt das zwölfköpfige Orchester hinter dem Frontmann in zum Teil Schwindel erregender Höhe des palastähnlichen Bühnenbildes die goldenen 20er und 30er Jahre musikalisch aufleben. Aber neben "Ich brauche keine Millionen" & Co. stehen auch Eigenkompositionen auf dem Programm, die genau im Stil des damaligen Schlagers arrangiert sind. Darauf folgen mexikanische Rhythmen und ein Rückgriff auf die Werbe-Weisheit "Sex sells": Zum einen treten kaum bekleidete Tänzerinnen auf, denen bei Bühnenabgang die männlichen Musiker noch während des Spielens folgen - bis auf den Pianisten, der verzweifelt sein Instrument zu schieben versucht. Zum anderen versucht sich Raabe an einer eigenwilligen Interpretation des Poptitels "Sexbomb". Allein seine Regungslosigkeit und sein Schlafzimmerblick verleihen dem Lied eine völlig neue Wirkung. Zudem ist der studierte Opernmusiker wie vorher selbst angekündigt "über die Noten hergefallen" und hat sie "zugerichtet". Ähnlich amüsant fallen die Anekdoten zwischen den Liedern aus: "Für eine Liebe im Mai sind drei Wochen relativ kurz. Für einen Fisch im Kühlschrank jedoch ..." Auch zur Pause hat Raabe den passenden Spruch auf den Lippen. Er reiht die Musik ein in eine Welt aus "Ganoven, Korruption, Drogenhandel und Dosenpfand" und verweist auf die "im Foyer käuflich zu erwerbenden Tonträger", an deren Erlös er sich "persönlich bereichern" wolle.

Später am Abend öffnet sich der Vorhang und wir befinden uns in einem Hinterhof einer amerikanischen Großstadt. Zwar wurde die musikalische Reise im ersten Teil schon durch Projektionen von Flammen oder Palmen optisch unterstützt. Nun aber hat das Orchester seinen Palast völlig eingetauscht und beginnt mit Swing-Soli, die schließlich in die Melodie von "New York, New York" münden. Doch anstatt des altbekannten Textes näselt Max Raabe ungeniert und umarrangiert: "Kein Schwein ruft mich an". Zwischen dieser und der nächsten Lachnummer, der Forderung nach einem Waffenschein für Blockflöten, gibt Raabe ruhige Chansons zum besten. Bei "Ich tanze mit Dir in den Himmel" fordert er seine Violinistin Hanne Berger auf, die als einzige Frau unter den Musikern ihr vielseitiges Talent bewiesen hat. Im Anschluss philosophiert Raabe über die Eleganz der Musik, als eine jodelnde Blaskapelle zu "In München steht ein Hofbräuhaus" einstimmt. Um die mangelnde Eleganz zu kompensieren, führt sogleich ein Geiger spielend Kunststücke mit dem Bogen vor. Nun wechseln sich besinnliche und unterhaltsame Lieder ab, von "Mein Gorilla hat eine Villa" bis "Irgendwo auf der Welt". Bei letzterem brilliert der ausgebildete Bariton Raabe mit äußerst leise gesungenen, gekonnt gehaltenen und sicher getroffenen Tönen.

Ein weiteres Highlight folgt unverzüglich: Die musikalische Erzählung vom Telefongespräch zwischen einer verreisten Dame und deren Butler: "Nichts von Bedeutung, werte Frau Direktor. Es geht zuhause ganz famos." Weiterhin berichtet Raabe in der Rolle des Butlers gekonnt gelangweilt und schräg intoniert von der Verhaftung des Herrn Direktors, des Verschwindens der Tochter mit dem neuen Liebhaber und anderen Nebensächlichkeiten. Schließlich verkleidet sich das Palast-Orchester mit Papp-Schiffen als venezianische Gondoliere und paddelt mit den Instrumenten zu den "Capri-Fischern". Auch Raabe tritt derart verkleidet auf die Bühne - nach dreimaligem Aufruf: "Die Gondel hatte Verspätung". "O Sole mio" darf natürlich nicht fehlen, bevor sich die Musiker verabschieden. Auf das stöhnende"Ohhh" aus dem Publikum beteuert der Sänger: "Niemand bedauert das mehr als wir." Doch die erklatschten Zugaben sind fest eingeplant. Neben Instrumentalstücken und dem Klassiker "Mein kleiner grüner Kaktus" beweist Raabe ein letztes Mal seinen einzigartigen Humor: "Klonen, Klonen kann sich lohnen. Verlässt Du mich, klon ich Dich. Ich hab hab Dein Duplikat. Und Du bleibst mir erspart."

Homepage von Max Raabe: www.palastorchester.de
Deutsches Theater München: www.deutsches-theater.de

Christian Kral
03.12.2004

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