Eine bedrückende Schau in unsere eigenen Seelen
Max Frischs "Biedermann" am Meininger Puppentheater

Meiningen - "Ein Lehrstück ohne Lehre" nennt Max Frisch sein 1958 in Zürich uraufgeführtes Schauspiel, das eigentlich nicht für Puppentheater geschrieben wurde. Aber Frisch zeichnet in seinem Spiel die handelnden Figuren so genau, dass sie schnell zu Typen des Figurentheaters werden können, zumal es während der Handlung nicht zu charakterlichen Veränderungen der handelnden Personen kommt.


Immer wieder ertappt sich der Zuschauer dabei, Mienenspiel der Puppengesichter beobachtet zu haben... Herr Biedermann und die Brandstifter
Photographie R. Reissig

Herr Biedermann möchte ein gerechter und anständiger Mensch sein. Und er möchte seine Ruhe in seinen vier Wänden haben. Diese Ruhe wird jedoch gestört, als ein Fremder, sehr groß und offensichtlich ungeheuer stark, in sein Haus tritt und um Hilfe bittet. Biedermann ist argwöhnisch, wurden doch in der jüngsten Vergangenheit immer wieder Brände in der Stadt gelegt, deren Verursacher nicht ermittelt wurden. Aber das vom ungebetenen Besucher angeblich erlittene Unrecht und dessen Wunsch nach einem Dach über dem Kopf kann von Biedermann nicht ignoriert werden. Man muss doch Vertrauen haben, und warum sollte der Besucher denn ein Brandstifter sein? Morgen würde er ja sowieso wieder gehen.

Zögernd zwar akzeptiert Biedermann sogar, dass noch eine weitere Person auf seinem Dachboden einzieht. Ein ehemaliger Gefängnis-Insasse, gerade erst entlassen! Diese unverblümte Offenheit gibt Biedermann Sicherheit und das Vertrauen, das er braucht, um in Ruhe leben zu können. Es ist menschlich doch unwürdig, Hilfe und Unterstützung für unglücklich Gestrauchelte zu verweigern! Ob in den vielen kleinen Kanistern, die von den beiden Besuchern auf den Dachboden getragen werden, Benzin sei, beantworten sie offen und ehrlich. Ja! Aber was heißt das schon? Die ganze Stadt wollen sie damit anzünden! Und die Zündschnüre sind auch schon gelegt! Sicher nur Scherz oder Aufschneiderei! Niemals würden wirkliche Brandstifter ein solches Vorhaben öffentlich bekennen! Als die Besucher um Streichhölzer bitten, regt sich wieder Biedermanns Verdacht, aber echte Brandstifter hätten selbstverständlich ihre eigenen Streichhölzer, oder? Es ist absurd, einen derartigen unsinnigen Verdacht aufrecht zu erhalten...

Die neue Inszenierung des Puppentheaters am Meininger Theater unter der Gast-Regie von Manfred Blank, Chemnitz, mit den ungeheuer beeindruckenden Figuren von Udo Schneeweiß, Erfurt, bleibt dem Besucher im Halse stecken! Jedermann ist Biedermann! - Denken nicht die meisten Menschen so wie der Herr Biedermann? Oder anders: Müssen nicht alle so handeln wie Herr Biedermann? Jawohl! Müssen! Denn wenn wir dem Misstrauen Raum geben, würden wir dann nicht schlimmstenfalls zu einem elenden Haufen von Denunzianten? Würden wir nicht bei verweigerter Hilfe schuldig an Unschuldigen werden, die nur "Anders-sind" und unsere Hilfe brauchen? Aber ist nicht unsere Welt auch voller Brandstifter, die jederzeit und überall unerkannt ihr Werk bis hin zur völligen Vernichtung verrichten?

Wie schützen wir uns vor den verborgenen Brandstiftern, die erst mit dem von ihnen verursachten Unglück zum Vorschein kommen? Kann uns eine noch so wachsame Feuerwehr im Voraus helfen? Oder müssen wir erst - wie Biedermann - auf die Katastrophe warten? Der Chor der Feuerwehrleute in schwarzen Arbeitsanzügen und Helmen mit Nackenschutz versucht sein Bestes, Katastrophen zu vermeiden. Aber Blindenstock und dunkle Brille kennzeichnen dieses Unterfangen als unmöglich, solange die Biedermänner die Opportunisten bleiben, die sie sind. Aber ist Biedermann tatsächlich nur der "feige, konformistische Kleinbürger, der nur um sein eigenes Wohl besorgt, dem globalen Verbrechen Tür und Tor öffnet" wie ein Schauspielführer anmerkt? Ein Lehrstück ohne Lehre!

Wir finden keine eindeutige Erklärung für das Verhalten des Biedermanns und keine Patentlösung für das Dilemma. Lange können wir darüber nachdenken und diskutieren, warum sich eigentlich der Herr Biedermann nicht befreit aus dem Zwang Gutes-tun-zu-müssen und Vertrauen-haben-zu-müssen! Welche Angst steckt in ihm, die ihn hindert, mit einem Schlag Schluss zu machen mit den alptraumhaften Vorgängen um ihn herum? Versagens-Angst? Angst vor Rache? Angst vor Ächtung? Oder ist es Verdrängung der Angst vor seinem eigenen Tod? - Alle diese Bedrängungen, Zweifel, Ängste werden durch die genialen Figuren mit den Händen der Meininger Puppenspieler auf den Zuschauer übertragen. Kleinste Gesten der Figuren kennzeichnen die zerrüttete Seelenwelt und die erschütterten Empfindungen der Betroffenen. Und immer wieder ertappt sich der gebannt teilnehmende Besucher dabei, Mienenspiel der Puppengesichter beobachtet zu haben.

Die Gesichter der Puppenspieler erscheinen zwischen den Figuren - gleichberechtigt - völlig legal. Das Spiel der Figuren wird identisch mit dem Wirken der Menschen hinter der Bühne. Die Gefahr bei der Inszenierung eines Schauspiels, ein Hörspiel mit Hilfe von Figuren zu illustrieren und sich dabei der Macht des Textes zu unterwerfen, ist abgewehrt. Die Figuren spielen sich selbst. Es sind die Puppenspieler, die sich den Puppen unterwerfen und am Spiel teilnehmen, so dass es keinen Sinn macht, einzelne Figuren oder einzelne Puppenführer und -sprecher hervorzuheben.

Die einfache Ausstattung der schwarzen Bühne mit blümchen-tapeziertem Wohnzimmer und verbrettertem Dachboden gibt dem Figurenspiel den beengten Rahmen, der dem Charakter der Biedermänner entspricht. Der Raum um die Bühne herum gehört den Feuerwehrleuten, die trotz ihrer Blindheit wachen und sich immer wieder um die Biedermänner sorgen. Musik und Ton der Inszenierung sind überhaupt kein Begleitwerk! Pathetische musikalische Phrasen übernehmen einen Teil der Auseinandersetzung Biedermanns mit dem ihm unverständlichen Geschehen. Gewaltige Töne beschreiben die ungeheuren Detonationen der endgültigen Feuersbrunst am Schluss des Spiels. Ein Spiel? - Vielleicht eher eine beeindruckende und bedrückende Schau in unsere eigenen Seelen. Die Figuren als Allegorien unserer eigenen Gedanken und Schwächen! Ein Stück von Max Frisch, das wie für die heutige Gegenwart geschrieben ist. Eine Inszenierung in einem Guss, die trifft.

Uwe Brockmüller
04.06.2002

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