Angekommen am "Ort der Harmonie"
Das Bayerische Kammerorchester Bad Brückenau (früher Schloß Werneck) feierte sein 25jähriges

Bad Brückenau - 1979 gegründet als junges, dynamisches, fortschrittliches Ensemblemodell in Werneck, entlang einer Kette eindrucksvoller Erfolge und Weiterentwicklungen profiliert, 2003 nach unschönen Querelen sich selbst exilierend nach Bad Brückenau umgezogen: Das Bayerische Kammerorchester ist aufatmend angekommen. Und es feiert sich selbst gebührend in einem Ambiente, um das es manches Weltstadt-Orchester beneiden könnte.


Intendant Prof. Ulf Klausenitzer: "Angesichts eines andauernden Beharrungszustandes deutscher Kulturorchester, die auf den elementaren Wandel der Gesellschaft kaum reagieren und aus sich selbst wenig reformfähig scheinen, greift das Bayerische Kammerorchester auf das Urideal instrumentalen Zusammenspiels zurück: Das Modell der freien Gruppe mit variablen Besetzungen, unterschiedlicher Stilistik und Aufführungspraxis."
Photographie: BKO

"Ort der Harmonie" nennt sich das "wie Hof, auch in Bayern ganz oben" (Intendant Ulf Klausenitzer) gelegene Staatsbad Bad Brückenau. Von Provinz, könnte man schreiben, vom kargen Land umzingelt von Rhön, Spessart, Vogelsberg und Fuldaer Konservatismus. Doch, und auch das erfahren wir an diesem Jubiläumsabend im November immer wieder und von verschiedenen Seiten, Provinz sei nur da, wo provinzielles zugelassen werde. Getreu der Maxime des letzten "Kulturfürsten" August Everding also, ist Bad Brückenau gerade nicht Provinz im negativen Sinn, nennt es doch seit nunmehr einem Jahr ein Ensemble sein eigen, dessen hohe künstlerische und könnerische Qualität außer Frage steht. Gefeiert wurde das 25jährige im König-Ludwig-Saal des Staatsbades. Man hatte ihn um den Lola-Montez-Theatersaal erweitert, der ebenfalls seit einem Jahr aufgewertet wird durch die Inszenierungen des Fränkischen Theaters Schloss Maßbach. Diese Vitalisierung des Theater- und Konzertlebens darf nicht zuletzt der rührigen Kurdirektorin Andrea Schallenkammer zugeschrieben werden - bei den Brückenauer Stadtoberen dagegen soll die Aufnahme ja noch nicht ganz so herzlich sein (der erste Bürgermeister ließ sich beim Empfang durch den Dritten vertreten). Die kleine fränkische Landesbühne aus dem Schloss Maßbach steht im übrigen ebenso wie das Kammerorchester in der Tradition, eine kulturelle Grundversorgung dort anzubieten, wo sie dringend gebraucht wird, im weiten Land. Mit dem Umzug und der Umbenennung wird sich das Kammerorchester zwar nicht von dieser Aufgabe verabschieden, das Wirken in die "Provinz" hinein ist weiterhin ein wichtiges Ziel. Schließlich bezeichnet sich das Orchester, das immer noch die jüngste bayerische Profi-Orchestergründung ist, als "Glanzlicht dezentraler Kulturpolitik". Dennoch deutet sich laut Intendant Ulf Klausenitzer eine weitere Internationalisierung (etwa durch Gastspiel-Einladungen in ferne Länder) an, obwohl er konstatiert: "Die Hochkultur hat es momentan sehr schwer". Dieser Mann spricht aus Erfahrung.

Die langen Querelen um das Wernecker Teatro, den wetterfesten Bau für ein bisschen mehr Planungssicherheit und zugleich Garant für Kontinuität im Wernecker Konzertleben, sind so leicht nicht vergessen zu machen. Der Bürgerentscheid contra Bau im Schlosspark, die Suche nach einem neuen Wirkungsort, der Entschluss zum Wegzug nach Bad Brückenau und nicht zuletzt die erst kürzlich gefallene Entscheidung zum endgültigen Ende der Wernecker Schlosskonzerte, bereiten immer noch Nachwehen, lassen viele Engagierte mit leeren Händen zurück. Populismus, eingesetzt gegen "Hochkultur", hat tiefe Gräben gegraben, viel Vertrauen zerstört.

Doch wie steht es um das Wichtigste, um das Orchester? Sehr gut, es könnte kaum besser sein. In Bad Brückenau finden sich hervorragende Voraussetzungen, um dem Ensemblemodell zwischen Klassik und Moderne, dem Modell des projektbezogenen Arbeitens, gerecht zu werden. Der König-Ludwig-Saal im herrschaftlichen Kurgebäude bietet eine brauchbare Konzertakustik und der Kurpark lädt ein, lauschige Open Airs zu veranstalten, für die das Kammerorchester ja eine jahrzehntelange Organisations-Erfahrung mitbringt. Eine Zusammenarbeit mit der Hotelkette Dorint hat sich bereits entsponnen, die ihre allesamt ins königliche Kur-Ensemble integrierten Räumlichkeiten etwa für ein Hochschulpodium zur Verfügung stellt. Dabei handelt es sich um eine Konzertreihe, in der junge Hochschul-Studenten eingeladen sind, ganz getreu dem Konzept einer intensiven Betreuung und Rekrutierung des Brückenauer Orchester-Nachwuchses, sich in Soiréen im Staatsbad zu präsentieren. Unter dem Titel "Bad Brückenauer Jahreszeiten" hat das Kammerorchester die früheren "Musiktage" in ein musikalisches Ganzjahresprogramm verwandelt und wird dabei das ganze Spektrum ausnutzen, das sich im Kurbad bietet.


Angekommen: Mitglieder des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau vor dem Portal des König-Ludwig-Saales.
Photographie: BKO

Jubiläumsfeier mit Uraufführung

Ein großartiger Anfang also, mit einem gewichtigen Jubiläum. An den Beginn der Geburtstagsfeier, die vom FAZ-Journalisten Gerhard R. Koch moderiert wurde, stellte Ulf Klausenitzer Mozarts Ouvertüre zu "Die Hochzeit des Figaro", in der sich die Dynamik und die Spielfreude des Orchesters Bahn brachen. Die Festrede des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Dr. Thomas Goppel - er zeigte sich als Franke dem Orchester besonders gewogen -, wurde eingerahmt von der Präsentation der Ergebnisse zweier Arbeitsgruppen der "Musik zum Anfassen", einem Projekt das in der Woche vor dem Konzert mit Kindern der Bad Brückenauer Grundschule durchgeführt wurde. Die pädagogische Reihe, von Mitgliedern des Kammerorchesters bereits in den 80er Jahren gegründet, soll Kinder über das Hören und Wiedergeben von Geräuschen, mit dem Ziel einer gemeinsam vertonten Geschichte, auf spielerische Weise mit der Musik und dem "Musizieren" vertraut machen. Die Initiative, geführt von Dietmar Flosdorf (Bratsche), Heinz Friedl (Klarinette) und Christian Mattik (Flöte), wurde in diesem Jahr mit dem Inventio-Preis des Deutschen Musikrates ausgezeichnet. Die "Parnassi musici", die geschätzten Barocksolisten des Kammerorchesters, brachten Antonio Vivaldis Sonate d-moll "La Follia" in einer überzeugend lebhaften Interpretation zu Gehör. Die Uraufführung von Karlheinz Stockhausens Auftragswerk zum Jubiläum, "Fünf Sternzeichen" für Orchester, bildete den abschließenden Höhepunkt im leider nicht vollständig besetzen Kurgebäude. Die Auftragskomposition, finanziert durch die GEMA-Stiftung, die LfA-Förderbank Bayern und den Kulturförderpreis 2004 an das Kammerorchester, ist Ausdruck des Engagements des Ensembles für zeitgenössische Musik. Schließlich konnten die Damen und Herren um Ulf Klausenitzer gemeinsam mit dem Komponisten zum Abschluss einen großen Applaus entgegennehmen. Der anschließende Empfang im Parkhotel des "Dorint Resort & Spa" gestaltete sich als freundlicher Ausklang mit vielen (auch offiziellen) Geburtstagswünschen, gesäumt von erstklassigen Gaumenfreuden. Man darf gratulieren und hoffen, dass sich am "Ort der Harmonie" eine Zukunft mit wenigen Dissonanzen auftue.

Homepage des Kammerorchesters: www.kammerorchester.de
Das Bad im Internet: www.badbrueckenau.de

Christoph Thein
04.12.2004

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