Schöne, blaue Donau
Kerstin Spechts Fleißer-Hommage in den Kammerspielen - letztmalig in dieser Saison

München - Die Spielzeit in den Münchner Kammerspielen neigt sich dem Ende zu. Einige Inszenierungen werden auslaufen, etwa der recht schwächlich geratene "Marquis von Keith", ganze 17 Produktionen dieser Saison werden aber im Herbst wieder aufgenommen. Darunter auch Kerstin Spechts "Die Rückseite der Rechnungen" mit Doris Schade. Eile ist also diesbezüglich nicht unbedingt geboten. Dennoch wollen wir anläßlich der letzten Vorstellung des Monologs in dieser Saison (am 17. Juni) Spechts "Seelenerkundung" etwas näher beleuchten.

Sie schrieb gegen ihr eigenes Vergessen: Marieluise Fleißer. Jetzt erlebt sie eine zweite Renaissance. Die erste war noch zu ihren Lebzeiten, als ihre "Söhne" Rainer Werner Fassbinder, Franz Xaver Kroetz und der kürzlich verstorbene Martin Sperr sie wieder entdeckten und ihre Stücke erneut in die Spielpläne aufgenommen wurden - ja, sogar in Ingolstadt. Ingolstadt - die Stadt, in der sie vor einem Jahrhundert geboren wurde und vor einem viertel Jahrhundert starb. Die Stadt, in der sie hochgeachtet und verachtet wurde, setzte ihr ein weiteres Denkmal: Ein Stück über die Fleißer wurde in Auftrag gegeben. Es entstand Kerstin Spechts "Marieluise". Aus der Arbeit an diesem Stück entwickelte die Autorin den Monolog "Die Rückseite der Rechnungen", der nun an den Kammerspielen unter der Regie von Regina Wenig zur Aufführung gelangt.

Specht behandelt hierin aber nicht die bloße Biographie der Autorin; es werden lediglich biographische Eckpunkte gesetzt. Es ist kein Bericht über die Ingolstädterin, sondern "Ein Bericht zu Marieluise Fleißer". Der Boden der Realität wird verlassen, eine künstlerisch ausgestaltete Figur wird geschaffen. Und diese steht neben der Autorin Fleißer, sie wird ihr auf dem Theater zur Seite gestellt.

Unsicher betritt Doris Schade den Raum. Kalt bleckt er ihr entgegen. Kaum Mobiliar: ein Sessel, ein Schrank, ein Schreibtisch, auf dem ein Glas Wasser und ein Aquarium stehen. Letzteres hebt sich ab, will sich nicht so recht einfügen. Das Aquarium bleibt der einzige nicht funktionale Gegenstand im Raum, der durch graue Wände gekennzeichnet ist. Sie nimmt alles in Augenschein, dann beginnt sie zu erzählen - von ihrer Kindheit: "Ich mache selbst Theater". Puppentheater: Untergang der Titanic. Sie erzählt von ihrer Internatszeit, von ersten Begegnungen mit Männern, Soldaten. Es herrscht Krieg. Und heimlich schreibt sie unter der Bettdecke; flüchtet in eine Unterwasserwelt, schreibt sich frei. Doris Schade besitzt ein großes Gespür für die Feinheiten des Textes. Durch austarierte Gestik und Mimik schafft sie es Kontakt mit dem Publikum zu halten.

Brecht - der Stein im Schuh, der die Ingolstädterin nicht mehr gehen lässt. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Kreise zieht, so hält Brecht die Fleißerin in seinem Bann. Wenn sie von
ihm spricht, versinkt Doris Schade im etwas zu großen, schwarzen Ledersessel. Die Beine sind zu kurz um den Boden zu erreichen. Es hat etwas Naives, wenn sie auf der Lehne mit ausgestreckten Beinen sitzt und von diesem Mann schwärmt, von dem sie nie losgekommen ist. Er verhalf Fleißer zum großen Durchbruch und verursachte als Regisseur ihrer "Pioniere in Ingolstadt" einen Skandal, durch den sie sich den Hass ihrer Heimatstadt zuzog. Zu ihm flieht sie und vor ihm flieht sie; unter anderem in die Arme des Tabakhändlers und Donauschwimmers Bepp Haindl. Und sie ist wieder dort, wo sie aufgebrochen war: in Ingolstadt, "angespuckt von der Welt". Sie hat kaum mehr Zeit zu schreiben - sie ist jetzt Geschäftsfrau - und wenn, dann auf die Rückseite der Rechnungen. Dann: Schreibverbot. Schade dreht sich im Kreis. Ein Tanz mit der Donau. "Ich tanze in die Ärmel einer Zwangsjacke."

Wasser zieht sich leitmotivisch durch das Stück. Regina Wenig suchte hierfür adäquate Bilder: Wellen werden über die Szene projiziert, im Schrank findet sich ein Kostüm: die Meerjungfrau. Das Aquarium beginnt zu brennen. Diese Bilder wären nicht nötig gewesen. Sie verstören vielmehr, besticht doch Wenigs Inszenierung durch ihre Schlichtheit. Hierbei hätte man bleiben sollen. Hierauf verstehen sich Regisseurin und Schauspielerin. Kleine Details ziehen das Publikum in ihren Bann: ein Augenzwinkern, Blickkontakt, wohl gesetzte Pausen.

"Wen ich einmal sehe, den weiß ich", schrieb Marieluise Fleißer. Wenn man das Stück betrachtet, bleibt das Gefühl, es gibt da noch etwas. Die Fleißer gesehen durch die Brille der Autorin, interpretiert auf der Bühne, gibt ihr Geheimnis nicht preis trotz intimer Erzählung. Die Zuschauer folgen Doris Schade. Und das nicht wegen der Geschichte, sondern der Person der Fleißerin wegen. Das Stück erschöpft sich nicht in der nüchternen Biographie, es entkleidet den Mythos nicht, sondern trägt dazu bei. Man taucht ein in die Tiefe einer Seele; doch dort tut sich eine neue Welt auf.

Die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit: Mo 17. Juni im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele (www.muenchner-kammerspiele.de).

J. M. Bairlein
11.06.2002

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