Störche, Chats und Guillotinen...
das Fränkische Theater steuert einem heißen Theater-Winter entgegen

Maßbach - Da ist wirklich für alle was drin, und die Meßlatte des Anspruchs hat sich das Fränkische Theater sehr hoch gelegt. Das Winterprogramm im Schloß muß einfach neugierig machen: eine Mischung aus Märchen, zeitgenössischer Dramatik und einem Historienkrimi der 50er Jahre. Unser Tipp: im November und Dezember unbedingt hingehen, zu den Maßbachern. Gespielt wird "Der öffentliche Ankläger" von Fritz Hochwälder, "noway.today" von Igor Bauersima und "Kalif Storch".


Heißkalt... Eike Domroes, Marc Marchand und Corinna Schnabel in Michael Klemms Klasse-Inszenierung des "öffentlichen Anklägers"
Photographie: Adrian Price

Man kann einfach gar nichts anderes tun, als begeisterte Ovationen geben, wenn der kleine rote Vorhang des intimen Theaters sich schließt. Die Premiere von Fritz Hochwälders Drama "Der öffentliche Ankläger" am vergangenen Freitag bot bestes Theater. Michael Klemm, seit langen Jahren mit Maßbach verbunden, hat die Geschichte aus der Französichen Revolution inszeniert und dabei einen wunderbaren Ton getroffen. Musik, Licht, liebevoll gestaltete Kostüme und das erstklassige Bühnenbild (von Michael Klemm und Peter Picciani) tun das ihre, damit die spannende Geschichte aus den 50er Jahren zu einem Hochgenuß wird. Mit sichtlicher Freude spielen Jonas Vischer, Corinna Schnabel, Eike Domroes, Klaus Heindl, Marc Marchand, Ingo Pfeiffer, Florian Rexer, Alexander Stefi und Nadja Winter in bester Ensemblemanier den "Thriller" um die Revolutionsgerichtsbarkeit und ihre unaufhaltsame Maschinerie. Der Österreicher Hochwälder, Jude und Emigrant, hatte das Nazi-Regime vor Augen, als er das Drama in den 50er Jahren schrieb. Entstanden ist ein fesselndes Historienstück, das heute zwar selten gespielt wird, aber in der Maßbacher Produktion seine dramaturgischen Qualitäten voll entfalten kann. Es läuft noch bis zum 1. Dezember.


Eiskalt... Jakob Jan Kaspar und Susanne Odermatt in "norway.today"
Photographie: Anne Maar

Jan Burdinski, routinierter Regisseur im Kindertheater, erarbeitet derzeit mit den Schauspielern Hubert Burczek, Nico Jilka, Michael Schaller, Kathrin Stahl und Silvia Steger das traditionelle Winter-Kindertheaterstück. Am 18. November wird "Kalif Storch" in einer Originalbearbeitung von Jan Burdinski und Erika Hausdörffer nach dem Märchen von Wilhelm Hauff in der Maßbacher Lauertalhalle Premiere feiern. Zu sehen ist die Inszenierung in den Theatern von Aschaffenburg, Schweinfurt, Bad Kissingen und Fürth sowie in Lohr, Bad Königshofen, Mellrichstadt, Neuburg/Donau und Bad Brückenau.

Um die Dichte des Maßbacher Spielplans zu komplettieren, hat sich Theaterleiterin Anne Maar an ein weiteres höchst interessantes Projekt und an ein brisantes Thema gewagt: den Selbstmord. Thematisiert im Stück "norway.today" des Zeitgenossen Igor Bauersima, das zur Zeit in aller Munde ist. Zwei Jugendliche verabreden sich in einem Internet-Chatroom zum gemeinschaftlichen Selbstmord auf dem norwegischen Prekestolen-Felsen. Bauersima thematisiert in dieser Geschichte, die einen wahren Fall zum Vorbild hat, die Probleme einer jungen Generation einsamer Individuen, ihre Unsicherheit im Umgang mit der Gesellschaft und mit sich selbst, ihre Identitätssuche und elementare Fragen nach dem Sinn des Lebens. Das Fränkische Theater befindet sich mit seiner Spielplangestaltung in bester Gesellschaft. Bauersimas Stück, das in seiner Regie vor genau 2 Jahren in Düsseldorf uraufgeführt wurde, bestimmt die Theaterlandschaft von München über Leipzig bis Berlin - und das Thema schaffte es unlängst sogar bis in einen "Tatort". Anne Maar will mit ihrer Inszenierung vor allem die Entwicklung der beiden Protagonisten Julie und August (gespielt von Susanne Odermatt und Jakob Jan Kaspar) betonen - und ihren Weg "zu sich selbst, zueinander und zurück ins Leben, welches vielleicht doch nicht nur Lüge, sondern durchaus ernst zu nehmen ist." Das Stück, das ebenso für Jugendliche wie für Erwachsene interessant und empfehlenswert ist, hat am 25. November Premiere. Es sind acht Abendtermine und viele Vormittagstermine für Schulen geplant. Man darf auf eine interessante Regiearbeit mit zwei engagierten Schauspielern in einem extravaganten Bühnenbild von Jörn Hagen gespannt sein. Ein Besuch im November oder Dezember sollte in jedem Terminkalender geplant werden.

Informationen und Karten unter www.fraenkisches-theater.de

Christoph Thein
13.11.2002

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