Schaurig-verspielte Reise in die Unterwelt
Figurentheater-Gastspiel des renommierten Teatro Neline

Niederwerrn - Eine aufwendig gestaltete Kulissenbühne im evangelischen Gemeindezentrum von Niederwerrn, das gibt es nicht alle Tage. Allein schon die gerafften Goldvorhänge und die üppig gemalte Säulenkulisse ließen eine interessante Aufführung der Monteverdi-Oper "Orpheus" erwarten. Eine Oper im Marionettentheater.


Begeisterter Applaus für das Ensemble des Teatro Neline
Photographie: Uwe Brockmüller

Uwe Brockmüller, Leiter des Puppentheaters ohne Namen Oberwerrn organisierte das Gastspiel des international renommierten Teatro Neline aus dem slowakischen Bratislava. Unter der Regie der Prinzipalin Petronela Dusova und mit den Figuren ihres Mannes Miroslaw Dusa sollte das Publikum die tragische Reise des mythischen Sängers Orpheus in die Unterwelt zu seiner toten Geliebten Eurydike sehen. Ein schwerer Stoff, nach dem Libretto von Alessandro Striggio, zu dem Claudio Monteverdi eine berührende Musik geschrieben hat. Doch was erwartet das Niederwerrner Publikum? Eine geistreiche Marionettentheaterinszenierung, leicht hingezeichnet und herrlich verspielt. Da kommen die Puppenspieler erst einmal als verspätetes Zuschauerpaar in die ehrwürdigen Hallen des großen Opernhauses, finden schließlich ihre Logen und ihre Rollen. Denn die Reise des Orpheus zu seiner verlorenen Liebe wird von den beiden gespiegelt und kommentiert. So wird in wunderbarer Weise das Figurenspiel auf der Bühne gebrochen. Monteverdi erscheint als Zeremonienmeister und letzte Instanz, die dem Spiel die nötigen tragischen oder glücklichen Wendungen gibt. Und was da auf der dreigeteilten Bühne passiert, die in der Üppigkeit ihrer Kulissen das Barocktheater zitiert, ist unterhaltsam und rührend zugleich.

Eine liebliche Eurydike trifft auf einen herrlich unbedarften, aber göttlich musizierenden Orpheus. Amor, eine immer und überall herumfliegende Puttenfigur, verfolgt die beiden mit liebenswürdiger Beharrlichkeit. Der Chor aus Klappfiguren, Schmetterlinge und anderes Getier umschwirren die Liebenden. Derweil geben die Schau- und zugleich Marionettenspieler immer wieder ihr Missfallen oder ihre Zustimmung als neureiches Zuschauerpaar kund. Der Mann muss seiner "Eurydika" schließlich in den Orchestergraben nachsteigen. Aber er scheint sie ebenso wie der geschnitzte Orpheus an den glutäugigen Charon und die Unterwelt verloren zu haben. Dort brennt echtes Feuer und der gute Amor muss dem naiven Jüngling erst mal Tür und Tor öffnen.


Liebevoll gestaltet: Orpheus und Eurydike mit Amor
Photographie: Uwe Brockmüller

Kurz und gut, das Zuschauerpaar findet sich schließlich wieder, und auch Orpheus und Eurydike werden nach dem bekannten Ungeschick des Orpheus (drehen Sie sich bloß nie nach Ihrer Frau um!) erlöst. Sie steigen empor in die hellblaue Himmelskulisse und beenden einen beeindruckenden Opernabend. Die Inszenierung des Teatro Neline, an der noch die beiden Figurenspieler Martin Vanek und Michal Struss beteiligt sind, zeichnet sich durch Einfallsreichtum und die äußerst überzeugende Mischung aus Schau- und Marionettenspiel aus. Das Privattheater, das 1994 gegründet wurde, war Gast beim Kunstfestival "Europa in Fürth", wo es stehende Ovationen entgegen nehmen konnte. Man nutzte diese Gelegenheit für den Abstecher und fand in Niederwerrn ebenfalls ein begeistertes Publikum. Uwe Brockmüller schließlich war zufrieden mit dem leider nur teilweise besetzten Zuschauerraum. Er betonte allerdings mit einem weinenden Auge, dass die Menschen, die nicht gekommen waren, "einen wunderbaren Theaterabend mit einer reizvollen und witzigen Aufführung verpasst" hätten. Der Rezensent kann sich dieser Meinung nur anschließen und begeistert auf ein erneutes und dann voll besetztes Gastspiel hoffen.

Mehr zum Puppentheater und Photos vom Gastspiel bei www.puppenspieltage.de

Christoph Thein
16.11.2002

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