Tauben, Kinder und Herzen... vergiften läßt sich alles
nur nicht Georg Kreislers Humor: wir gratulieren dem Kabarettisten zum Achtzigsten

Basel - Morgen feiert er seinen 80. Geburtstag und dieses Alter hält ihn nicht davon ab, seinen immerschwarzen Humor zu kultivieren. Im Gegenteil: Georg Kreisler ist bis zum heutigen Tag ein engagierter Kabarettist. Obwohl er sich mehr und mehr dem Musiktheater zugewandt hat, beeinflußt sein schier unerschöpfliches Werk an Chansons, Liedern und Texten die Kabarettszene nach wie vor in entscheidendem Maße.


Georg Kreisler
wurde am 18. Juli 1922 in Wien geboren. Er besuchte das Gymnasium und bekam Musikunterricht (Klavier und Violine, daneben Musiktheorie), bis die Familie 1938 nach Hollywood emigrieren mußte. Zwischen 1942 und 1945 war Kreisler im amerikanischen Militärdienst, kam nach Europa und verfasste Shows für Soldaten. 1943 wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1945 kehrte er nach Hollywood zurück, arbeitete beim Film, ging 1946 nach New York und trat als Interpret seiner Chansons in Nachtlokalen und auf USA-Tourneen auf.
1955 kehrte er nach Wien zurück und spielte seine Chansons vorwiegend in der Marietta-Bar. In dieser Zeit arbeitet er unter anderem mit Gerhard Bronner, Carl Merz, Helmut Qualtinger, Peter Wehle, Louise Martini zusammen. 1958 zog er mit seiner damaligen Ehefrau Topsy Küppers nach München und gab mit ihr Chanson-Abende. 1962 bis 1976 lebten sie wieder in Wien. Kreisler schrieb während dieser Jahre auch eine Reihe von Theaterstücken und machte gemeinsam mit Topsy Küppers "Die heiße Viertelstunde" im ORF-Fernsehen. 1976 ging Georg Kreisler nach West-Berlin, seit 1977 ist er mit Barbara Peters als Lebens- und Bühnenpartnerin unterwegs. Seit 1992 lebt er in Basel. Im November 2000 wurde seine Oper "Der Aufstand der Schmetterlinge" in den Wiener Sofiensälen uraufgeführt.

Solch ein Multitalent möchte manch ein Kabarettist für sich reklamieren können. Doch es gibt kaum einen zweiten, der so gut wie Georg Kreisler texten, komponieren und vortragen kann. Seine Kompositionen sind musikalische Werke erster Güte. Oft stehen sie im Anspruch denen großer, allgemein anerkannter Komponisten in nichts nach. Und dann die Reime. Kreisler mag einem wie ein wandelndes Reimlexikon vorkommen. Er arrangiert Sätze und Worte zu wahren Kunstgebilden. Oftmals absurd, wie im Lied "Gar nichts" oder tief böse wie in seinem "Frühlingslieder"-Zyklus, von dem leider meist nur der erste Teil, das "Tauben vergiften" bekannt ist. Und dann sind seine Verse auch wieder zurecht tief traurig, wie etwa in "Wo soll die Reise hingehen", "Mein kleines Mädele" oder "Weg zur Arbeit" anläßlich des Themas Antisemitismus. Egal ob böse, absurd oder traurig, Kreisler fehlt nie die Stimmigkeit. Der noch so abwegige Reim - und Nicht-Reim - hat bei Georg Kreisler Methode und ist bewußt gesetzt. Auf diese Weise hat er in den vergangenen über fünfzig Jahren Weltbetrachtungen von A bis Z geschaffen.

Es ist durchaus gerechtfertigt, von einem unerschöpflichen Werk zu sprechen. Sogar Menschen, die sich selbst als gute Kreisler-Kenner bezeichnen würden, fällt immer wieder einmal ein bislang unbekannter "Kreisler" in den Schoß. Denn es gibt ja nicht nur die allseits bekannten, beliebten und mitreißenden makaber-schwarzen "Everblacks", die zweifelsohne ihren weiten Ruf zurecht haben. Es gibt genügend Beispiele aus Kreislers Œvre, die eine nicht minder böse aber offen politische Stellung beziehen. Als glänzende Beispiele für dieses politische Engagement können die Chansons "Meine Freiheit, Deine Freiheit", "Ohne Geld", "Wo der Pfeffer wächst" oder "Ohne Krieg" gelten. Gesellschaftskritik ist in seinen Liedern sowieso immer verpackt. Ob es nun bei "Was Hänschen nicht lernt" um Geschlechterverhältnisse oder beim "Staatsbeamten" um schmissiges - pardon - Arschkriechen geht, Georg Kreisler macht mit drastischer Deutlichkeit klar, was er von der verlogenen Spezies Mensch hält. So fällt ihm dann auch sein Fazit "Der Mensch muß weg" nicht schwer. Doch die noch so niederschmetternde Erkenntnis kommt immer in einem Rahmen daher, der einen zum Lachen bringt. Und sei es ein lachendes Weinen. An dieser Stelle ist dann wieder Kreislers Musik im Spiel. Sie unterläuft seine Texte, baut sich antithetisch auf und das nicht selten als Ohrwurm, dem man sich so leicht nicht mehr entziehen kann. Man denke da etwa an "Bidla Buh", an "Als der Zirkus in Flammen stand" oder "Wien ohne Wiener".

Verhängnisvoll eigentlich, eine Liste mit guten und repräsentativen Liedern anzufangen. Das Werk ist wie gesagt einerseits derart umfangreich, daß ein Kramen im Repertoire nur unter größtem Arbeitsaufwand möglich ist und doch höchstwahrscheinlich unvollständig bleiben müßte. Denn das wirklich repräsentative Kreisler-Lied gibt es nicht. Weitläufiger erschließen wird man den Mann mit der riesigen Brille nur, wenn man sich auf sein Werk einläßt, neben den populären "Everblacks" auch empfehlenswerte Liedersammlungen wie "Mit dem Rücken gegen die Wand", "Nichtarische Arien" oder "Wo der Pfeffer wächst" ergründet. Und dann gibt es ja da noch die Opern, Musicals, Romane und andere Texte, die der österreichisch-deutsch-schweizer Kabarettist aus Amerika verbrochen hat.

Im "Georg Kreisler Internet Forum", einem umfassenden und engagiert betriebenen Kreisler-Archiv, findet sich im Gästebuch folgende Eintragung: "Es ist, gelinde gesagt, ein Skandal, daß einem der größten noch lebenden kabarettistischen Urgesteine, der für mich auch einer der entscheidensten Denker des letzten Jahrhunderts und darüber hinaus ist, keine einzige Minute im (deutschen) TV zu seinem 80. gewidmet wird. Bei seinem 75. hatte 3sat immerhin noch eine "Heisse Viertelstunde" von 1968 und die "Auskünfte eines Narren" von 1981 gebracht." Wenn das deutsche Fernsehen den "Denker" schon tatsächlich totschweigen sollte, so hoffen wir doch wenigstens ein bißchen zur Erinnerung an Georg Kreisler beigetragen zu haben. Und nicht nur Totgesagte, auch totgeschwiegene Kabarettisten leben bekanntlich länger. Und Georg Kreisler wird dies sicher allein schon aus Trotz tun. Damit das deutsche Fernsehen und die Presse die Nachrufe auf ihn möglichst umsonst vorgefertigt haben. Denn im Gegensatz zur Geburtstagslaudatio dürften sie schon überall in der Schublade liegen. Gesendet würden die dann sicher "sehr spät Sonntag abend, lange nach dem Wort zum Montag". So oder so ähnlich denkt Kreisler sicher. Es lohnt sich in jedem Falle, ihn wieder- oder gar neu zu entdecken.

Das Internet-Forum - ideal als Ausgangsunkt für die Beschäftigung mit Kreisler findet sich unter www.georgkreisler.de

Christoph Thein
17.07.2002

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