Von da Oiden, vom Krattler und vom Neger
die letzten Vorstellungen laufen: "Die Scheinheiligen" von Thomas Kronthaler

Irgendwo in der oberbayerischen Provinz - Der Kinobesitzer tritt vor die Leinwand. "Ich möcht no wos sogn. Der Ton geht ned lauter. Des liegt jetzt aber ned an uns. Des wollten de, da Produzent, woi so. Unser Dolby Surround System hamma scho ganz nauf draht."

Ja, leise ist das Filmdebüt "Die Scheinheiligen" von Thomas Kronthaler. Aber dafür muss man sich nicht entschuldigen. Wo liegt eigentlich Kronthalers Dachsenbrunn? Irgendwo in der oberbayerischen Provinz. An der Autobahn. Ausfahrt Dachsenbrunn? - noch nicht. Die wird aber benötigt: für die geplante Hähnchenbraterei. "Hendl - mehr sog i ned."

Der Krattler Johannes - Krattler kann nur unzureichend mit Globetrotter übersetzt werden - wandert durch Bayern um Heiligenfiguren zu verkaufen. Und so treibt es ihn auch in die Nähe Dachsenbrunns. Ein Polizeiwagen versperrt ihm den Weg. Umkehren soll er. Und dann beginnen die beiden Staatsbeamten, Django und Bene, zu schießen. Nicht auf den Krattler - der läuft trotzdem, sondern aufs Wild. Ein Reh für den Bürgermeister. Die Läufe ragen den restlichen Film über aus dem Kofferraum. Auf der Rücksitzbank ein Schwarzer, der Quotenneger Teofile. Jedes Dorf braucht eben heutzutage seinen Asylanten. "Aber ausgerechnet an Neger, der ist doch ned amal katholisch." Und er darf auch kaum sprechen. Erst gegen Ende des Films werden Michael Emina ein paar Sätze zugetraut.

Johannes - von Johannes Demmel mit ruhiger, gelassener Stimme und nach dem Vorbild des Oberammergauer Heiland interpretiert - findet währenddessen bei der Trennerin Unterkunft. Zunächst wird er aber auch hier mit Gewehrsalven begrüßt: "Verschwinds, i gib eich nix." Gemeint ist hier die Gemeinde, sie benötigt den Grund der alten Frau für den Bau der Autobahnausfahrt. "Verschwinds!" Der Krattler bleibt und auch Teofile findet zu ihr. Und beide helfen der Trennerin sich zu verteidigen, pflegen sie und lassen sie noch einmal aufblühen. Nicht nur in der realistisch gezeigten Sorge für die Frau beweist der Film Feingefühl. Traumhaft dargestellt auch ihr Aufleben. Schöne Bilder, wenn man sie in einem Sessel auf einem Sprossenwägelchen von ihrem abseits gelegenem Hof in die Kirche fährt. Maria Singer fügt sich hervorragend in die Rolle der Trennerin. Stur und verbissen, offen und lebensfroh - Singer findet einen Weg, diese Extreme in einer Figur zu verkörpern.

Eine Karikatur Bayerns, des politischen und des katholischen Bayerns. Zu einem Dorf gehören zweierlei: Kirche und Wirtshaus. Und in beiden residiert der Pfarrer. Beim Wirt im Schießstand und in der Sakristei, wo er mit dem Bild Franz Josef Strauß´ spricht. In Bayern antwortet dieser natürlich seinem Diener. Kronthaler stellt Leben dar. Leben auf der Schwelle vom Brauchtum zur postindustriellen Gesellschaft. Der Film zeigt karikierend einen Umbruch. Streitigkeiten werden im Wirtshaus ausgetragen, Politische Debatten zwischen ehemaligen Schulkameraden finden unkompliziert im Klassenzimmer statt, die katholische Dorfjugend rebelliert, weil es modern ist, und die Gemeinschaft steht fast geschlossen zusammen, wenn es darum geht die Trennerin zugunsten der Hendlbraterei loszuwerden.

Am Ende: Showdown. Django und Bene verwandeln sich mit Pumpguns bewaffnet in L.A. Cops. Die beiden Bayern leben ihren American Dream. Fried Chicken. Und es wird laut. Hollywood hält Einzug. Und der Kinovorführer freut sich; sein Dolby Surround System kommt doch noch zur Wirkung

Die letzten Vorstellungen laufen unter anderem im Münchner "Aircraft" und vielleicht irgendwo in der Provinz.

J. M. Bairlein
18.01.2003

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