Tradition mit Gästen
Der neue Spielplan des Theaters der Stadt Schweinfurt

Schweinfurt - "Ära Staatsschauspiel wohl beendet" titelt das Schweinfurter Tagblatt in seiner morgigen Ausgabe anläßlich der Spielplanpräsentation durch Theaterleiter Rüdiger R. Nenzel vor dem städtischen Schul- und Kulturausschuß. Diese Schlagzeile bezieht sich auf das absehbare Ende der über 25jährigen Gastspielpartnerschaft mit dem Bayerischen Staatsschauspiel München. Dennoch verspricht die Spielzeit 2002/2003 wieder einige interessante Höhepunkte.


Rüdiger R. Nenzel stellte den Spielplan für die kommende Spielzeit vor.
Photographie MP

Über den Verlust des Staatsschauspiels, dessen neuer Leiter partout nicht kooperieren will, tröstet hinweg, daß die andere und momentan künstlerisch ohnehin weitaus interessantere Schauspielbühne, die Münchner Kammerspiele, nach zwanzig Jahren wieder regelmäßig in Schweinfurt ihr Stelldichein geben will. Mit Kerstin Spechts neuem Werk "Das Goldene Kind" (Regie Monika Gintersdorfer), ist also schon der erste Höhepunkt für die neue Saison genannt. Diese Uraufführung, die Mitte Juli an den Kammerspielen in München Premiere haben wird und im März in Schweinfurt zu sehen ist, zeigt das kleinbürgerliche Leben in der Provinz und die vergeblichen Ausbruchsversuche des jungen Paares Anna und Emil. Wir dürfen auf ein schroffes und wortkarges Stück von großer Eindringlichkeit gespannt sein.

Doch auch andere interessante Titel finden sich im neuen Almanach. So wird als erstes Schauspiel etwa Michael Frayns "Kopenhagen" zu sehen sein, ein Stück von höchster Aktualität im historischen Diskurs um das Verhältnis der beiden Physiker Niels Bohr und Werner Heisenberg während der schlimmen Kriegsjahre des mittlerweile verflossenen Jahrhunderts. In dieser Inszenierung ist zwar keine Gastbühne mit Renommée der Kammerspiele zu erwarten, doch bringt das Euro-Studio mit Peter Striebeck und Martin Gelzer zwei große Namen. Weitere Hoffnungen im Schauspiel darf man getrost auf "Die Schöne Helena" in der Bearbeitung des Virtuosen Michael Quast setzen, ebenso wie auf Bert Brechts "Dreigroschenoper", die allerdings bei Roberto Ciulli sicher wieder gelungen anders aussehen wird. Die geniale Umsetzung von Handkes "Kaspar" unlängst, dürfte noch in Erinnerung sein. Auch ein Lessingscher "Nathan" (aus Dresden) fehlt nicht, ebenso wie Tschechows Kirschgarten mit dem Fürther Stadttheater. Auch auf Tradition setzt Rüdiger R. Nenzel also in seiner Spielplangestaltung.

Im Musiktheater ist das Programm des Theaters der Stadt ohnehin auf höchstem Niveau angesiedelt. Besonders gespannt darf man natürlich auf das szenische "Verdi-Requiem" mit der St. Petersburger Mussorgsky-Oper sein, das auch Nenzel als Höhepunkt sieht. Doch auch Mozarts "Clemenza di Titio" mit der Hallenser Oper oder Verdis "Macht des Schicksals" (Budapest) und Puccinis "Turandot" decken ein breites Opernspektrum ab. Im Tanztheater dominiert wieder das gewohnte Handlungsballett, gezeigt wird das aber sicher auf hohem Niveau.

Was die Konzertmieten und Sonderkonzerte betrifft, wird Schweinfurt weiterhin bestens versorgt. Allein mit fünf Programmen sind wieder die Bamberger Symphoniker zu hören, daneben gibt es noch schöne "Zuckerl" wie etwa das Neujahrskonzert der Wernecker oder ein Faschings-Konzert aus Halle mit der Moderation des geistvollen Roger Willemsen. Auch die Staatskapelle Weimar, die im vergangenen Jahr mit Mahlers Fünfter glänzte ist wieder zu Gast. Ebenso das Südwestdeutsche Kammerorchester mit Augustin Hadelich.

Es gibt also allen Grund, sich den neuen Almanach zu besorgen, vielleicht auch ein Abo, in jedem Fall Karten für diese und jene Veranstaltung - und es lohnt sich ein Blick ins Internet unter www.theaterschweinfurt.de oder www.theater-schweinfurt.de. Dort wird nach dem Ende dieser Spielzeit, die (unter anderem mit den Münchner Kammerspielen) auch noch ein paar Höhepunkte erleben wird, das komplette und immer das aktuelle Programm des Theaters der Stadt Schweinfurt zu finden sein.

Christoph Thein
19.06.2002

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