Wieder eines der führenden Sprechtheater
Die Münchner Kammerspiele sind mit zwei Stücken zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen

München/Berlin - Die Jury des Berliner Theatertreffens hat mit "Alkestis" und "Traum im Herbst" zwei Aufführungen der Münchner Kammerspiele ausgewählt und nach Berlin eingeladen. Die Kammerspiele stellen damit zwei der zehn Stücke, die vom 3.-20. Mai 2002 in Berlin zu sehen sind und die als die wichtigsten der Saison gelten können.

Natürlich stellt die Auswahl der Jury nur einen unvollständigen Querschnitt durch das aktuelle deutsche Theaterleben dar und ist anfechtbar - man denke an die große Diskussion des vergangenen Jahres um die angeblich zu konventionelle Wahl. Mit der Entscheidung für die beiden Münchner Inszenierungen jedoch, werden die großen Anstrengungen des jungen Teams um den neuen Intendanten Frank Baumbauer ausdrücklich gewürdigt.

Jon Fosses "Traum im Herbst", in der Inszenierung Luk Percevals, der aus der innovativen Flämischen Welle kommend, in München zuletzt auch durch das grandiose "Schlachten!"-Projekt von sich reden gemacht hat, ist eine ruhige und dabei äußerst intensive Regiearbeit von hoher sprachlicher Dichte. Der sympathische Belgier, der besonders auf ein prozeßorientiertes Arbeiten Wert legt, schuf eine Atmosphäre, in der auch das unausgesprochene Wort Bedeutung erlangt und wurde so auch dem norwegischen Autor gerecht. Jossi Wielers Inszenierung von Euripides' "Alkestis" wurde ebenfalls weithin gelobt und ist im Vergleich zu Dieter Dorns allzu angestaubt wirkender Umsetzung der "Hekabe" am Staatsschauspiel sicher ein zeitgemäßer Ansatz im Umgang mit diesen griechischen Stoffen.

Die Kammerspiele befinden sich auf dem besten Weg, nach Jahren (durchaus nicht qualitätsloser) "Dornscher" Stagnation wieder zu einem der allerersten Häuser Deutschlands zu werden. Und sie erreichen dies durch große Vielfalt und manchmal eigenwillige, doch eindrucksvolle Fortschrittlichkeit. Georg Diez, Gerhard Jörder, Simone Meier, Gerhard Preußer und Franz Wille dokumentieren dies mit ihrer Entscheidung, dem Leiter der Festspiele, Joachim Sartorius, die Kammerspiele doppelt vorzuschlagen.

Christoph Marthalers von Besucherschwund arg gebeuteltes Züricher Schauspielhaus wurde gleich dreifach eingeladen. Marthaler, langjähriger Wegbegleiter Baumbauers, hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit dekonstruktivistischen Inszenierungen auf sich aufmerksam gemacht. Doch auch die anderen Auserwählten, von Castorf bis Pollesch und Stemann machen neugierig. Und das Fernsehen bietet wieder Theater für das ganze Volk, wenn 3sat die Aufführungen wieder live oder zeitversetzt aus Berlin überträgt. Wir sind also gespannt.

Hier die weiteren Einladungen:

Theater Basel
JOHN GABRIEL BORKMAN - Henrik Ibsen
Regie Sebastian Nübling

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
ERNIEDRIGTE UND BELEIDIGTE - Fjodor M. Dostojewski
Regie Frank Castorf
Koproduktion mit den Wiener Festwochen

Prater / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
DIE PRATER TRILOGIE
- Stadt als Beute nach spaceLab
- Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheiss-Hotels.
- Sex nach Mae West Regie René Pollesch

Schauspiel Hannover
HAMLET - William Shakespeare
Regie Nicolas Stemann

Schauspiel Staatstheater Stuttgart
THYESTES Der Fluch der Atriden - Hugo Claus nach Seneca
Regie Stephan Kimmig

Schauspielhaus Zürich ALIBI - Meg Stuart/Damaged Goods
Konzept und Regie Meg Stuart
Koproduktion mit dem Kaaitheater (Brüssel), Théâtre de la Ville (Paris), Théâtre Garonne (Toulouse)

Schauspielhaus Zürich
DIE SCHÖNE MÜLLERIN - Franz Schubert
Regie Christoph Marthaler

Schauspielhaus Zürich
DREI SCHWESTERN - Anton Tschechow
Regie Stefan Pucher

Zum diesjährigen Theatertreffen gehören auch wieder der STÜCKEMARKT, der neue deutschsprachige Theaterstücke in (szenischen) Urlesungen vorstellt, und das INTERNATIONALE FORUM JUNGER BÜHNENANGEHÖRIGER, ein Kongress zur Weiterbildung für junge professionelle Theaterleute aus dem Schauspielbereich. Drei Preise werden während des Treffens verliehen: mit dem THEATERPREIS DER STIFTUNG PREUSSISCHE SEEHANDLUNG wird eine Person oder Gruppe geehrt, die sich in besonderer Weise um das deutschsprachige Theater verdient gemacht hat. Der 3sat PREIS ZUM THEATERTREFFEN würdigt eine richtungsweisende, künstlerisch-innovative Leistung aus den eingeladenen Inszenierungen. Der ALFRED-KERR-DARSTELLERPREIS prämiert die herausragende Leistung einer Nachwuchsschauspielerin oder eines Nachwuchsschauspielers.

Christoph Thein, KPL, TK
21.02.2002

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