Ein Plätzle an der Sonne - Die Glosse
Diesmal von traurigen Clowns, grandiosen Witzen und einem geschmähten Fachbereich

Das dürfte schon ein trauriger Clown sein... steht da verlassen und allein in seinem Hörsaal und muß sich entscheiden zwischen gehetzter Paukerei und gelassenem Nichtstun, pardon, Dias zeigen. Er kommt aus der Kunstgeschichte, deshalb entscheidet er sich für die Dias (das ist in Kunstgeschichts-Vorlesungen so üblich) und damit fürs Nichtstun. Aber was bleibt dem schändlich Geschmähten schon?

Ja, geschmäht, Sie haben richtig gehört! Geschmäht von seinem Publikum und geschmäht vor allem von seinen Kollegen. Fünfundvierzig Minuten hat man ihm in diesem Semester für sein Thema eingeräumt und davon hat sein Vorredner - übrigens mal ein brilliant eloquenter Österreicher - ihm auch noch eine ganze Handvoll abgeplauscht. Seid Ihr alle da? Das möchte man ihm in den Mund legen angesichts der gelichteten Reihen an diesem Mittwoch Nachmittag im Hörsaal an der Münchner Schellingstraße. Aber man kann es den Studenten ja nicht verdenken. Lohnt sich eine schlichte dreiviertel Stunde pro Semester? Da bleibt doch eh nichts hängen. Also Englischer Garten oder Cafeteria! Nächste Woche wieder neunzig Minuten zum Bürgerlichen Theater.

Ein trauriger Kasper, der da vorne? Nein! Zwar schon eine etwas lacksig-bizarre Figur dieser Herr Dr. L., wenn er also Fäden hätte, genau richtig, um ihn in einem Marionettenspiel einzusetzen, doch schon vielmehr eine bemitleidenswerte Figur aus dem Lehrpersonal-Fundus des Münchner Instituts für Theaterwissenschaft. Er hasse Mikrophone sagt er, er stelle sich an die Seite, damit ihn alle hören sollen. In seinem Metier dominiert noch die Handarbeit. Und dann kommt seine ebenso traurige Assistentin mit ihren Dias dran. Wort und Bild überschlagen sich. Craig, der Hohnsteiner Max Jakob, Hänneschen, Pocci, Papa Schmid. Die Uhr rennt von Beginn an dem Ende zu. Kleist, Schlemmer, Dorst und natürlich der große Obrasow. Ach ja, das Puppentheater Bille spielt am 15. seinen Puppen-Faust. 6 Euro. Zu dem Preis können wir auch in die Kammerspiele. Mit lebendigen Figuren auf der Bühne! Er überzieht schon. Man geht langsam. Seid ihr alle da? Im rechten Kasten sind noch fünf Dias drin Frau F. Lassen Sie sie schnell noch durch! Danke für Ihr zahlreiches Erscheinen und Ihre Aufmerksamkeit! Dann bis zur Zwischenprüfung. War da mal was? Naja, gehen wir.

Was es da nicht alles gibt! Dachte immer, sei nur was für Kinder! Licht an, Türen auf, frische Luft. Jetzt haben wir wieder was gelernt! Gibt's doch soviel zu dem Thema zu erzählen? Fünfundvierzig Minuten? Das hätte nicht mal der Lehrstuhlinhaber geglaubt! Großes Gewusel und totale Verwirrung. Aber, meine Damen und Herren, so beruhigen Sie sich doch! Im Wintersemester gibt's traditionellerweise wieder volle anderthalb Stunden für die Figurentheatergeschichte. Sogar ohne Vorredner aus dem Burgenland. Na da bin ich aber sichtlich froh und erleichtert! In Neunzig Minuten kann man sicher zweimal soviel Stoff unterbringen. Das müßte dann doch reichen. Na klar. Mir reichts jedenfalls schon lang!


Eine Glosse sei er schon Wert, dieser "grandiose Witz", meinte Uwe Brockmüller vom Schweinfurter Puppentheater ohne Namen, als ich ihm vom einsamen Dr. L. und seinem Zeitdruck erzählte. Sie haben sie soeben gelesen!

Christoph Thein
22.05.2002

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