Auch in Schweinfurt eine gute Visitenkarte abgeben...
Der Intendant Frank Baumbauer dokumentiert die große Offenheit der Münchner Kammerspiele

Schweinfurt/München - Am 26. und am 27. Juni sind die Münchner Kammerspiele mit Marieluise Fleißers Stück "Der starke Stamm" im Theater der Stadt Schweinfurt zu Gast. Frank Baumbauer, seit dieser Spielzeit neuer Intendant des Münchner Traditionstheaters, äußerte sich gestern in der "Mainpost" zum Thema Gastspiel. Wir bringen nun das ungekürzte Gespräch, in dem Baumbauer betont, wie wichtig für ihn Transparenz und Kommunikation im Theater ist.


"Wir achten hochprofessionell darauf, dass die Dinge ihre Geradlinigkeit haben..."
Frank Baumbauer, Intendant der Münchner Kammerspiele

- Herr Baumbauer, es hat sich ja eine äußerst interessante Situation ergeben, dadurch dass einerseits hier in München die Kammerspiele mit einem komplett neuen Team gestartet sind und die Münchner Kammerspiele zugleich seit über 20 Jahren nicht mehr in Schweinfurt waren.

Das war mir gar nicht bewusst, aber da freue ich mich ja nun besonders, dass wir uns jetzt in Schweinfurt nach so langer Zeit präsentieren dürfen.

- Wie war Ihre erste Reaktion auf die Anfrage aus Schweinfurt?

Das war sofort ein klares Ja und hat einfach damit zu tun, dass ich mich über diese Einladung mindestens genauso freue, wie über unser Gastspiel beim "Holland Festival" in Amsterdam, weil ich denke, dass die Kulturinstitute in unseren Städten und Ländern ja damit zu tun haben, die Menschen mit Kultur zu versorgen und Kultur förmlich wie ein Lebensmittel anbieten müssen. Der andere Grund ist meine persönliche Erfahrung mit Schweinfurt von meiner Zeit am Bayerischen Staatsschauspiel her, als ich als Regieassistent die Gastspiele betreut habe, das war noch zu Zeiten des Theaterleiters Dr. Fuhrmann. Damals kamen wir fünfmal im Jahr, jeweils mit drei Vorstellungen. Und auch später, als ich Intendant des Residenztheaters war, haben wir diese Tradition gerne fortgesetzt. Nun war ich über fünfzehn Jahre weg aus Bayern, in Basel und Hamburg, komme nach München zurück, und erhalte eine Einladung aus Schweinfurt - das hat mich wirklich sehr gefreut. Es war überhaupt keine Frage, dass wir das realisierten wollten. In dieser Spielzeit ist das zwar nicht ganz so einfach, allein schon weil wir durch unseren Umbau nicht ganz so flexibel sind, wie man sich wünschen würde, aber wir haben eine Lösung gefunden.

- Der "Starke Stamm" ist ja auch in der nächsten Spielzeit im Stadttheater Fürth zu Gast. Ist das eine Produktion die dafür besonders prädestiniert ist?

Nein eigentlich überhaupt nicht, sie ist im Gegenteil so kompliziert, dass wir mit dem Stück überhaupt kein Gastspiel geben können. Allein schon technische Gründe können da manchmal hinderlich sein. Aber der "Starke Stamm" von Marieluise Fleißer ist natürlich ein so wunderbares Stück, die Inszenierung von Thomas Ostermeier ist sehr geglückt, wie ich finde, und es ist ja auch in der kleinbürgerlichen Welt der Provinz angesiedelt. Also sollte man es durchaus auch außerhalb der Landeshauptstadt zeigen und möglich machen.

- Spielen denn dann äußere Kriterien, wie Technik oder Disposition, in der Frage, ob Sie nun ein Stück für ein Gastspiel bereitstellen oder nicht, eigentlich gar keine Rolle?

Ich möchte gerne die Gastspieltheater, in diesem Fall Herrn Nenzel vom Schweinfurter Theater, dazu einladen, sich aus unserem Programm etwas herauszusuchen, was in deren Spielplan am besten passt. Er macht ja seinen Spielplan für Schweinfurt, und muss versuchen, aus den verschiedenen Angeboten etwas Schlüssiges für seine Saison zusammenzustellen, das ist das eine Kriterium. Das andere ist natürlich auch, dass wir den "Starken Stamm" für eine gelungene Inszenierung halten. Ich möchte natürlich keine Produktion auf Gastspiel irgendwohin schicken, die ich für weniger gelungen halte und das dritte ist natürlich die technische Machbarkeit.

- In der nächsten Saison wird ja wohl Kerstin Spechts Stück "Das goldene Kind" nach Schweinfurt kommen.

Ja, darüber freue ich mich sehr. Es wird die Uraufführung dieses Textes sein, die wir hier im Juli machen, mit einem sehr guten Ensemble und einer erstklassigen Regisseurin, Monika Gintersdorfer. Sie hat in dieser Spielzeit Enda Walshs Stück "Bedbound" bei uns inszeniert, und sie ist gerade dabei, ihren Weg zu machen. Sie inszeniert auch in Frankfurt, Hamburg und Luzern. Und für dieses wortkarge, aber sehr tiefgehende Stück, das im Fränkischen spielt, ist sie die richtige Regisseurin. Und das Stück wiederum wird sicher sehr gut in die Schweinfurter Gegend passen.

- Wie man sieht, sind Sie also durchaus gerne bereit, außerhalb der Landeshauptstadt Gastspiele zu geben. Als städtisches Theater bräuchte Sie das eigentlich gar nicht zu interessieren.

Wir sind hier angetreten, die Münchner Kammerspiele in die Stadt und in unser Land zu öffnen. Wir sind angetreten, sie aus ihrer auf sehr hohem Niveau befindlichen Verschlossenheit - man sieht es allein schon daran, dass sie seit über zwanzig Jahren nicht in Schweinfurt waren - herauszuführen. Wir wollen die Kammerspiele transparenter und kommunikativer machen, und dazu gehören auch Gastspiele. Ob wir dann ins Ausland gehen, in die unmittelbare Umgebung von München, oder in eine Stadt im Norden Bayerns, spielt keine Rolle, das gehört alles zusammen.

- Da drängt sich der Gedanke an die Haltung Ihres Vorgängers und jetzigen Leiters des Bayerischen Staatsschauspiels, Dieter Dorn, auf. Er sagte unlängst, er habe schon immer Theater für die Stadt München gemacht, und angesichts seiner geringen Kooperationsbereitschaft in Bezug auf Gastspiele in Schweinfurt scheint er diese Haltung auch weiterhin einzunehmen. Als Chef einer Landesbühne ist es aber eigentlich seine Aufgabe, auch die "Provinz" zu versorgen. Wie beurteilen Sie das?

Das Bayerische Staatsschauspiel erhält ja seine Mittel vom Freistaat Bayern, und insofern sind wir, als ich dort Intendant war, bis nach Aschaffenburg, Rosenheim und sonst wo hin gefahren. Ich finde das nur konsequent, wenn man das Theater zu der Bevölkerung auch in den Randlagen Bayerns bringt. Wenn die jetzige Leitung eine andere Meinung vertritt, so geht mich das nichts an. Ich jedenfalls empfand das immer als Verpflichtung.

- Es wäre natürlich auch sehr schön, einmal beide große Münchner Schauspielbühnen in Schweinfurt nebeneinander zu sehen.

Zumal auch das Staatschauspiel sehr gute Schauspieler und sehr gute Inszenierungen zu bieten hat. Dass das derzeit nicht möglich scheint, finde ich sehr schade.

- Wie empfinden Sie die Bereitschaft im Ensemble, auf Reisen zu gehen? Kann sich das Ensemble auf das andere Haus, auf ein anderes Publikum und den Gastspielort einlassen?

Das werden wir erfahren, wenn die ersten Gastspiele gelaufen sind. Wir fangen gerade erst damit an. Ob sie es als anstrengend empfinden, in einem anderen Raum zu spielen, oder ob sich das Spiel gut umsetzen lässt, werden wir sehen. Aber, und das darf man nicht unterschätzen, wir möchten auf jeden Fall an dem Ort, an dem wir spielen, eine gute Visitenkarte abgeben. Wir haben dabei einen sehr hohen Anspruch. Manchmal muss man die Inszenierung an den anderen Raum anpassen, übersetzen, und wir versuchen das so gut wie möglich zu schaffen. Und wir hoffen natürlich darauf, wieder eingeladen zu werden.

- Wie beurteilen Sie das Modell "Gastspieltheater" in der Provinz. Könnte es reizvoll sein, in einer Stadt der Größe Schweinfurts, vor Ort mit einem kleinen Ensemble eigene Produktionen zu erarbeiten, oder ist ein reiner Gastspielbetrieb doch praktikabler?

Ich finde das Schweinfurter Modell ganz gut. Sich ein Ensemble in die Stadt zu holen und etwas aufzubauen, fördert zwar die Identifikation des Zuschauers mit dem Theater. Man überblickt auch sehr schön die Entwicklung des Ensembles. Aber letztlich wird es nie ein besonders gutes Theater sein, weil allein schon die Möglichkeit, in eine größere Stadt abzuwandern für Regisseure und Schauspieler immer da ist. Insofern finde ich es ehrlicher, aufrichtiger, besser, wenn man sich entschließt, gute Bühnen mit guten Aufführungen zu holen. Man kann dabei dann auch versuchen, eine Kontinuität aufzubauen, Ensembles immer wieder einladen.

- Wie ist Ihre Meinung zu Unternehmen, die reine Tournee-Produktionen anbieten, ohne an ein festes Haus gebunden zu sein?

Damit habe ich mich in letzter Zeit nicht weiter beschäftigt, ich weiß aber aus früheren Zeiten noch, dass es da ein paar gute und ein paar schlechte gibt. Man muss diejenigen ausfindig machen, die einem, rein unternehmerisch gesprochen, "gute Ware" liefern, also eine gute Aufführung, und nicht nur eine Produktion, die vom Namen eines bekannten Schauspieler-Stars, der das Publikum bündeln soll, überstrahlt wird. Das Kunststück in der Führung eines Gastspieltheaters liegt meiner Meinung nach in der Mischung. Es bestimmen da natürlich auch die Finanzen mit. Das Schweinfurter Theater kann sich sicherlich nicht fünf mal im Jahr die Münchner Kammerspiele leisten, infolgedessen finde ich es sehr klug, wenn man sich von mehreren Bühnen aus allen Richtungen etwas holt, zwischendurch auch einmal eine Tourneebühne. Es liegt also sehr viel in den Händen des Theaterleiters. Da kann man viel gut machen oder viel verderben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass an den Gastspielbühnen, mit denen wir derzeit reden und zu denen wir auch kommen, mit viel Bedacht gearbeitet wird.

- Ursprünglich war ja auch mal Euripides' "Alkestis" im Gespräch für Schweinfurt. Wie kam es zu dieser Programmänderung? Hat sie etwas mit der Einladung dieser Inszenierung von Jossi Wieler nach Berlin zum Theatertreffen zu tun?

Nein, das hat ausschließlich mit der räumlichen Situation zu tun. Unsere "Alkestis" ist eine sehr intime, diskrete, leise Aufführung. Die Qualität dieser Aufführung ist eine besondere, sie liegt aber auch gerade in der Intimität und Genauigkeit begründet. In Räumen mit mehr als 250 Zuschauern sollten wir "Alkestis" nicht spielen. Daran haben wir uns auch beim Berliner Theatertreffen gehalten. Wenn die Schauspieler das Stück auf einer wesentlich größeren Bühne, wie etwa der Schweinfurter, an der Rampe "veröffentlichen" müssten, würde es einfach nur oberflächlich werden. Und da wir ein Gastspiel wirklich nur machen wollen, wenn sich die Qualität übertragen lässt, was bei dieser Aufführung garantiert schief gegangen wäre, haben wir es nicht gemacht. Das wussten wir aber, bei der Vereinbarung des Termins noch nicht. Deshalb kam es in gegenseitiger Abstimmung zu dieser Änderung aus rein künstlerischen Gesichtspunkten.

- Diese Änderung ist verständlich und hat, wie Sie sagten, rein künstlerische Gründe. Dennoch war das Schweinfurter Theater in den letzten Jahren immer wieder mit kurzfristigen Änderungen und sogar mit Absagen konfrontiert. Zur Wiedereröffnung nach der Sanierung sollte das Schauspiel Leipzig den Hamlet geben. Es wurde dann recht kurzfristig abgesagt, weil der Titeldarsteller ein Filmangebot bekam. Lässt sich im Theaterwesen eine steigende Unzuverlässigkeit und Kurzlebigkeit feststellen? Geht die Planungssicherheit zurück?

Nein, das finde ich überhaupt nicht. Was da passiert ist, ist eine Unart. Man kann nicht eine Vorstellung anbieten und dann einfach absagen. Wenn es einen vehementen Grund, wie beispielsweise Krankheit gibt, dann ist das etwas anderes. Und selbst dann würde ich den Partner nicht hängen lassen und unbedingt einen Ersatz finden. Denn das ist ja ebenso eine vertragliche wie eine moralische Verpflichtung. Man sollte sich da nicht von der Unzuverlässigkeit oder Wankelmütigkeit einiger Künstler oder Bühnen beeindrucken lassen. Wir achten hochprofessionell darauf, dass die Dinge ihre Geradlinigkeit haben, denn wenn wir uns selber in ein Schlamassel bringen, dann ist das nicht so schlimm, wie wenn ein Partner davon betroffen ist. Das darf überhaupt nicht sein.

- Ihr Beginn an den Kammerspielen ist ja doch recht geprägt von Baustellen und Provisorien. Es wird auf kleineren Studiobühnen und in einer umgebauten Fabrikhalle gespielt. Sind Sie mit Ihrem Start hier in München zufrieden?

Für eine erste Spielzeit finde ich das sehr spannend, weil zu der konkreten Baustelle am Haus eine künstlerische Baustelle gekommen ist. Wenn man eine derart riesige Truppe, die sich noch nicht orientiert hat und sich nicht kennt, das erste Mal zusammenführt, ist es immer schwierig. Ich finde, dass wir bei der Fülle von rund 20 Neuinszenierungen, die wir gemacht haben, einige gute Treffer erzielt haben. Zufrieden ist man bekanntlich nie, aber diese erste Spielzeit ist doch recht gut gelaufen.

- Herr Baumbauer, ich bedanke mich sehr herzlich für dieses Gespräch.

Informationen zu den Theatern im Internet:
www.theaterschweinfurt.de
www.muenchner-kammerspiele.de

Christoph Thein
22.06.2002
(Das Gespräch wurde am 21.06.2002 in gekürzter Form bereits in der Mainpost veröffentlicht)

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