Kultur am Scheideweg
Die neue Kulturfeindlichkeit - welcher Teufel reitet die Wernecker?

Werneck - In Frankfurt am Main ist der Magistrat gerade drauf und dran eine ganze Schauspielsparte zu schließen und das Ballett von höchstem Renommée zur Bedeutungslosigkeit zusammenzustreichen. In Werneck stand der Marktgemeinderat bislang wenigstens hinter dem Projekt "Teatrobau" des Kammerorchesters Schloß Werneck. Jetzt gibt es einen Bürgerentscheid. Wieso kurz vor dem Spatenstich noch ein Contra? Wieso populistische Angstschürerei? Wieso eine Welle der Kulturfeindlichkeit? Fassungslose Fragen.


Das Teatro gegen das Wernecker Schloß auszuspielen ist fatal, zumal ein peinlicher Schatten auf die Marktgemeinde fällt.

Was stachelt die Initiatoren Ahlborn, Schottky und Kapp an, kurz vor Erreichen eines Ziels, für das sich Kammerorchester, seine Förderer und diverse Lokalpolitiker in den letzten Jahren krumm gelegt haben, einen derartigen Wind zu veranstalten? Das Bürgerbegehren hat seine erste Hürde genommen, mit großem Zuspruch von Seiten der Bürger. Die Einwohner der Marktgemeinde im Landkreis Schweinfurt müssen sich nun entscheiden. Für oder gegen das Teatro, das dem vielbeachteten Kammerorchester endlich eine Heimstatt werden sollte.

Brauchte es diesen Bürgerentscheid? Über Jahre hinweg wurde diskutiert, natürlich gab es immer Kritik, teils vehementer Natur. Doch daß eine Initiative gegen das Projekt nun und gerade jetzt aus den Reihen der - auch kulturellen - "Elite" des Marktes kommen muß, ist bitter. Um 383 500 Euro würde es sich handeln, die die Gemeinde zum überdachbaren Amphitheater beisteuern müßte, der Rest auf die veranschlagten 2,35 Millionen käme von Freistaat, Bezirk, Landkreis und durch Spenden. 383 500 Euro, eine geradezu lächerliche Summe, wenn man bedenkt, wie vielfältig die Nutzungsmöglichkeiten - auch für den Markt und seine Bürger und Vereine - wären. Es stimmt traurig, daß mit einer rein finanziellen Argumentation (abgesehen von angeblichen architektonischen Problemen, die nicht einmal der doch rigorose Denkmalschutz sieht!) eine populistische Stimmungsmache gegen Kultur und Kulturförderung betrieben wird.

Die Aussage des sympathischen und nun tief gekränkten Intendanten Ulf Klausenitzer, im Falle einer Absage an das Projekt "Teatro" werde der Schaden immens sein, kann man nachvollziehen. Sollte das Projekt fallen, und das ist angesichts der zwölf untereinander oft gegen den Hauptort aufgebrachten Marktgemeindeteile gar nicht mal so unvorstellbar, könnte man es dem Orchester nicht verdenken, wenn es sich eine andere Wirkungsstätte suchte. Ja, die Wernecker hätten es eigentlich gar nicht anders verdient, als daß sie mit einem "Nein" zum Kulturausbau gleich ein komplettes Wegbrechen ihres einzig professionellen Kulturmagneten ernteten. Doch das eigentliche Problem liegt nicht unbedingt bei den Bürgern, die ja gar nicht umfassend und eindeutig informiert zu sein scheinen. Es liegt vielmehr bei der fiesen Methodik einer kleinen Gruppe, die mit fadenscheinigen Argumenten einen sinnlosen Wirbel veranstaltet. Man wolle Werneck und das Orchester vor finanziellem Ruin bewahren, ist die Hauptbegründung. Angesichts der Summe, die auf den Markt fiele und angesichts des 23jährigen, künstlerisch wie finanziell äußerst erfolgreichen Wirkens des Kammerorchesters, ein blanker Hohn. Welcher Teufel reitet denn die Wernecker, gegen einen Kulturbau aufzubegehren, den sie für dieses Geld nie mehr wieder bekommen? Sollen die Gäste bei schlechtem Wetter weiterhin in der Turnhalle von herbem Charme sitzen?

Im Schweinfurter Tagblatt sprachen die Initiatoren davon, sie wollten das Orchester nicht attackieren. Was anderes ist es denn als eine Attacke, als ein Schlag ins Gesicht des Orchesters, wenn man nun behauptet, es könne mit der Verantwortung für das Teatro nicht umgehen? Ebenso besorgniserregend mutet an, daß man das Bezirkskrankenhaus im Schloß gegen das Theater, fast am anderen Ende des Schloßparks, ausspielen will. Ein Zusammenbrechen des Klinikbetriebes wird unterschwellig angedeutet, für den Fall, daß das Teatro - eigentlich doch wider Erwarten der "Bürgerbegehrer" - erfolgreich arbeiten und regelmäßig bis zu 800 Zuschauer anlocken würde. Runde 20 Vorstellungen pro Saison sind von Seiten des potentiellen Betreibers Kammerorchester Schloß Werneck anvisiert, eine doch eher harmlose Zahl. Auf die Idee, daß Krankenhauspatienten mit dem Namen Werneck nicht nur Desinfektionsmittelgeruch, sondern auch Kultur und Unterhaltung verbinden könnten, darauf scheint man nicht zu kommen. Eine gegenseitige Befruchtung (die sich zwischen Kulturbetreiben und anderen "Unternehmen" doch erfahrungsgemäß einstellt) scheint in Werneck a priori ausgeschlossen. Ein trauriges Bild, das die beiden Mediziner Kapp und Schottky und der Apotheker Ahlborn da zeichnen. Sind sie denn so fixiert auf den Desinfektionsmittelgeruch?

Was nun wirklich hinter der ganzen Aktion steckt, ob Wichtigtuerei, politisches Kalkül oder Realitätsverlust, bleibt wohl unklar. Eindeutig ist aber festzustellen, daß Kultur und Kulturarbeit in unserer Zeit immer wieder einer neuen und unheimlichen Kulturfeindlichkeit ausgesetzt sind. In Frankfurt steckt falsch umgesetzter Sparzwang dahinter, im Falle des Wernecker Bürgerentscheides wohl eher tiefste Provinzialität.

Informationen des Kammerorchesters zum Teatro unter www.teatro-werneck.de.

Christoph Thein
22.06.2002

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