Ein entsetzliches Schicksal hat die Sprache unserer Herzen verwirrt
Luise spricht zu Ferdinand in Florian Boeschs Inszenierung von "Kabale und Liebe"

München - Ein Besucher des Residenztheaters schlägt im Fremdwörterbuch nach. Ka | ba | le <hebr.-fr.> die; (veraltend) Intrige, heimtückisches Gegeneinander. Das Münchner Theaterhaus ist ausverkauft. Auch für die kommenden Vorstellungen haben sich schon mehr Zuschauer gefunden, als das Haus fassen kann. Selbst wenn manche nur ahnen, was das Wort Kabale bedeutet, kennt doch jeder Schillers Tragödie. Warum ist die Inszenierung dennoch so gut besucht?


Es bleibt nur der Tod: Anna Schudt und Marc Oliver Schulze in der Schiller-Inszenierung des Bayerischen Staatsschauspiels
Photographie: Oda Sternberg

Licht kommt ins Dunkel, als der Vorhang sich hebt. Hell ausgeleuchtet erscheint ein überdimensionierter, realistisch geschwungener und dennoch unwirklicher pinkfarbener Teppich. Darauf drei einfache, weiße Holzstühle. Hier und da kommt ein Stück Papier und ein Glas zum Vorschein, ein Degen und ein Geldbündel werden gezückt. Sonst nichts. Requisite und Bühnenbild sind spärlich und monoton. Auch Szenenwechsel ändern daran nichts. Aber nach einer Weile gewöhnen sich die Augen an die ungetrübt stechenden Farbe.

Nicht nur beim kargen Bühnenbild, auch an den Nebenfiguren hat Boesch gespart - sie fielen dem Rotstift zum Opfer. Er trägt Schuld daran, daß Luise einem Unbekannten schreiben muß anstelle des Hofmarschalls von Kalb. Dennoch fallen ihr die Zeilen nicht leichter. Schwermut und Verzweiflung spiegeln sich in ihrem Gesicht - wie man gut erkennen und dem nachfühlen kann. Das Fehlen sämtlicher Hilfsmittel wird den Schauspielern zum regelrechten Zwang. Jede Miene muß stimmen, mit keinem Requisit kann man die Blicke von sich abwenden.

In dieser Art zeigt Boesch die Verschiedenheit von Phantasten und Zynikern. Fazit: Die Träumer müssen erkennen, daß für sie kein Platz ist. Aber nicht nur die Sterbenden reden sich um Kopf und Kragen: Der ehrgeizige Wurm verliert Pflicht und Liebe, Lady Milfords Leidenschaft ist dahin und Luises Mutter blutleer. Der schlaue Walter ist am Ende und auch Millers tatenloses Gerede verstummt. Die beiden Väter wenden sich von ihrem leblosen Fleisch und Blut ab, als der Vorhang nach zwei Stunden fällt.

Am Ausgang trifft man die beiden Figuren ohne Vornamen, Wurm und Miller. Stefan Hunstein und Jörg Hube halten ein Plakat mit der Aufschrift "Kein Krieg im Irak" dem herausströmenden Publikum entgegen. Daß sie sich nach dem schweißtreibenden Schauspiel in der Kälte den Tod holen, mutmaßen manche. Daß Idealisten trotz aller Anstrengung nicht auch in Wirklichkeit umkommen, hoffen andere.

Spielplan und Informationen unter www.bayerischesstaatsschauspiel.de

Christian Kral
25.02.2003

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