Indonesische Theatertradition in Schweinfurt
Der Freundeskreis Puppentheater zeigt Figuren des Wayang Golek

Schweinfurt - Schon die dritte "Figurengeneration" bevölkert die gläserne Vitrine im oberen Foyer des Theaters der Stadt Schweinfurt. Nach dem Start im Herbst mit Kasperfiguren und dem winterlichen Zwischenstop in China und Taiwan zeigt der Freundeskreis Puppentheater Schweinfurt nun (noch bis Ende Juni) zum Thema "Indonesien und seine Figurentheatertradition" Stabfiguren des javanischen Wayang golek-Spiels. Die Schaugelegenheit für Figurentheater im Schweinfurter Theater ist übrigens sofort ein voller Erfolg geworden. Es gibt keinen Theaterabend, an dem die Vitrine nicht die neugierigen Blicke interessierter Besucher auf sich zieht.


Photographie: Sammlung Brockmüller

Das Wayang golek mit hölzernen, vollplastischen Stabfiguren gilt als das jüngste der javanischen Figurenspiele. Mit dem ältesten Spiel, dem Wayang kulit, das mit ledernen Schattenfiguren aufgeführt wird, hat es das Repertoire mit den großen hinduistischen Heldenepen und Lehrgedichten Ramayana und Mahabharata gemeinsam.

Der Aufbau der Wayang golek-Figuren ist genial einfach. Die Figur besteht aus einem hölzernen durchbohrten Körper mit weiter Halsöffnung. Der geschnitzte und bemalte Kopf mit oft phantastischem Kopfputz steckt mit dem Hals in dieser Öffnung. Durch den Figurenkörper wird ein langer zentraler Führungsstab geschoben, der den aufgesteckten Kopf drehbar hält. Die Arme hängen an Fäden lose von den Schultern herab und werden an dünnen Führungsstäben bewegt. So kann der Puppenspieler, der Dalang, den Kopf der Figur bewegen, ohne den Puppenkörper mit zu drehen. Dabei wird die den Führungsstab umfassende Hand des Dalang durch den langen Batik-Rock der Puppe verborgen. Der Dalang ist immer Alleinspieler und führt und spricht alle Puppen allein. Figuren, die an dem momentanen Geschehen nicht aktiv beteiligt sind, werden mit der unteren Spitze des Führungsstabes griffbereit in einen weichen Bananenstamm gesteckt. Ein Gamelan-Orchester mit wohltönenden Gongs und Metallophonen begleitet den Dalang während seiner Darbietungen.

Herstellung der Figuren und das Spiel sind nach wie vor weitgehend religiöse Vorgänge, wobei dem Puppenspieler oft eine priesterähnliche Funktion zukommt. Erwachsene und Kinder nehmen gemeinsam an den Vorstellungen teil, die manchmal mehrere Nächte dauern können. Dem Publikum sind die vielverzweigten Handlungen in allen Einzelheiten geläufig, und es ist mit Sprache, Gestik und Musik völlig vertraut. Jede kleine Bewegung hat eine bestimmte Bedeutung, und der Sinn von Farben und Ornamenten ist genauestens festgelegt. Die eleganten Wayang golek-Figuren wirkten nachhaltig auf das Schaffen der europäischen Puppenspieler und Künstler. So gestaltete der Wiener Puppenkünstler Richard Teschner seine eindrucksvollsten Figuren in dieser Technik, und auf Bildern von Emil Nolde erscheinen die grazilen Puppen. Die in Schweinfurt gezeigten Stabpuppen stammen aus verschiedenen Figurensätzen aus West-Java, die größtenteils direkt vor Ort für die Sammlung Brockmüller erworben werden konnten.

Der Freundeskreis Puppentheater präsentiert sich unter www.puppenspieltage.de

cth/Uwe Brockmüller
25.05.2003

home