Komm in den totgesagten Park...
Werneck macht sich seine Kulturwüste selbst / Das Kammerorchester flüchtet

Werneck - "Truppenübungsplatzkapelle Wildflecken"? Nein, sicher nicht. Es wird sich schon wieder ein wohlklingender Name finden für die Kammermusiker um Ulf Klausenitzer, egal wohin es sie verschlagen wird. Werneck aber, und das darf man getrost behaupten, wird für Kulturschaffende auf lange Sicht mit einem schalen Nachklang verbunden sein. Parole: nur schnell weg da, wer sich nicht in seiner Kreativität beschnitten sehen will.

Die lokale Presse pfeift nun von den Dächern, was man schon seit dem Bürgerentscheid contra "Teatro" im Schloßpark Werneck vermuten und befürchten mußte. Das Kammerorchester Schloß Werneck, seit den 80er Jahren dort erfolgreich, wird Werneck verlassen. Der Bürgerentscheid, von den Initiatoren ja nur zum Schutz von Orchester und Marktgemeinde angeleiert, hat seinen Zweck voll und ganz erfüllt. Er schützt das Orchester nun vor dem Verbleib in der verpesteten Atmosphäre und er schützt den Markt vor vielen Besuchern, die sich die Konzerte des Kammerorchesters nun anderswo anhören dürfen. Ob die Schloßkonzerte unabhängig vom Orchester weiterlaufen? Werneck kann höchstwahrscheinlich auch darauf gerne und großzügig verzichten. Aber man wird sehen.

Die Lage ist zweifelsohne zentral, dafür seit Jahren auch schon recht laut. Bundesstraßenkreuz, Autobahndreieck und vielleicht in ferner Ewigkeit sogar einmal eine Umgehungsstraße. Der Markt Werneck darf sich als Dienstleistungsstandort begreifen. Es kommen Kranke, um sich in den Kliniken behandeln zu lassen, Bürger aus dem Würzburger Land liefern sich Stauschlachten um die Parkplätze der schier unerschöpflichen Großmärkte, sogar zu einem Aldi-Neubau auf grüner Flur hats gereicht. Und wenn dann noch ein echter Faschingsprinz persönlich an die Wern kommt, um sich beim Süßigkeitenproduzent Eichetti mit "Kamelle" einzudecken, dann strahlt er, der Wernecker. Er strahlt ob der wahren Verbindung von Kultur und Kommerz. Denn so hat der Markt seinen Zweck erfüllt. Wirtschaften, wirtschaften, wirtschaften - schließlich muß sich der allnachmittägliche Ortskernstau auch mal finanziell und im überregionalen Prestige auszahlen. Eigene Kunstwerke? Na, da gibt's doch das Schloß, das Oegg-Tor, die barocke Schloßkirche, und für den, ders moderner mag, auch noch einen Schädel-Sakralbau. Das geplante Museum verschweigen wir an dieser Stelle, um nicht ungewollt Anlaß zu einem neuen Bürgerbegehren zu geben.

Schmunzelnd erinnert man sich an den einst erbitterten und erfolgreichen Kampf, Werneck nicht aus dem überregionalen Gewissen zu streichen. Damals vor einigen Jahren besaß die Autobahndirektion Nordbayern doch tatsächlich die Unverfrorenheit, Werneck an der Autobahn Würzburg-Kassel zu tilgen. Doch keine Angst, man hat es schnell eingesehen und das Wörtchen "Werneck" wieder mit weißer Schrift auf die blauen Tafeln gedruckt. Man hat dem Markt sogar noch ein Autobahndreieck dazugeschenkt. Der teilt es sich inzwischen gelassen gönnerisch mit der Stadt Schweinfurt. Wichtig halt nur, daß man Werneck auch heute noch finden kann. Just diese Autobahn Würzburg-Kassel könnte den Werneckern, oder sagen wir besser einer kleinen Minderheit von Musikfreunden, jetzt zum Verhängnis werden. Wie die "Mainpost" Kultusminister Hans Zehetmair zitierte, könnten "die "Wernecker" (...) möglicherweise in Bad Brückenau eine neue Heimat finden." Und das liegt bekanntlich unweit von Fulda an der Kasseler Autobahn. Der schnellen Flucht des Klangkörpers (fast vergleichbar der Flucht in Gudrun Pausewangs "Wolke" vor dem Grafenrheinfelder Super-GAU) steht also wenigstens straßenbaulich nichts im Wege. Und das kann man den Musikern nur wünschen.

Zugegeben, etwas Schadenfreude regt sich schon, wenn man vom Entschluß des Kammerorchesters hört, von Werneck zu scheiden. Dieser Entschluß ist wohl der einzig richtige, nachdem man im Bürgerentscheid den Musikanten mal so richtig gezeigt hat, was man von ihnen hält. Nur Schadenfreude gegenüber den Werneckern wohlgemerkt. Doch dieses Gefühl vermag sich nicht zu halten, hat man doch immer wieder Menschen entdecken dürfen, die sich vehement für den Erhalt eines guten Klimas, für das Teatro, das Orchester und für die Schloßkonzerte, ausgesprochen haben. Die Wut und die Trauer überwiegen. Denn mit dem Kammerorchester verliert nicht nur Werneck, sondern vor allem der Landkreis Schweinfurt ein wichtiges Kulturgut. Ein Lichtblick wenigstens, daß man in der Region bleiben will. Auch wenn es die fränkische Randlage Bad Brückenau sein soll, auch wenn es nicht mehr die mainfränkische Ebene ist, in der die jung-dynamischen Klänge des Orchesters zu Hause sind, sie werden nicht aus der Welt sein. Das dürfte sicher ebenso beruhigend für den Komponisten Stefan Johannes Walter sein, wie für Herbert Deppisch und andere wohlmeinende Wernecker, die so ihr jahrelanges Engagement zumindest nicht nach Sonstwohin entschwinden sehen. Gottseidank hat Werneck ja Autobahnanschluß. Man hat da ja, wie gesagt, bereits vor Jahren vorgebaut. Und mit der guten Ausschilderung werden die treuen Wernecker Fans dann sogar wieder über die Autobahn zurückfinden in ihr kleines Wirtschaftszentrum.

Überhaupt scheint das musikalische Summen der Fernstraßen für dem Kulturstandort Werneck in Zukunft eine große Bedeutung zu erlangen. Sogar die Autobahnpolizei wird sich (angelockt durch das zu erwartende gesteigerte Verkehrsaufkommen durch die gerade neu entstehende Erfurter Autobahn) im Wernecker "Gewerbegebiet A70" niederlassen. Es steht zu hoffen, daß das bayerische Polizeimusikkorps den Werneckern dann wenigstens hin und wieder als Gastspieltruppe den Marsch blasen wird. Aufstellung wird dann genommen zwischen dem neuen Autobahn-Motel und der hellerleuchteten McDonalds-Filiale. Freilichtatmosphäre der Kulturwüste garantiert. Das lockt die Massen. Nur dann nicht mehr in den alten Schloßpark (der ohnehin unter den tausend und abertausend Fußtritten der Besucher zugrunde gehen würde), sondern auf die weite Flur vor den Oegg-Toren. Die "Wernecker Schloßkonzerte" muß es dann auch nicht mehr geben. Man hat ja dann das "Open Air Werneck A70".

Christoph Thein
28.05.2003

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