Party Party Party
Nur noch dreimal Macbeth an den Münchner Kammerspielen

München - Am liebsten möchte man ja mitfeiern, wenn Michael Neuenschwander auf seinem Keyboard zu klimpern beginnt. "Knock, knock, knocking on haevens door". Calixto Bieito macht die Jutierhalle zur Partyzone und peppt das ganze mit blutigen Einlagen auf. Man darf nur zusehen; aber was, wenn man genug gesehen hat?


"Komm komm, daß ich mein Wolln ins Ohr dir gießen kann..."
Anne Tismer (Lady Macbeth) und Andreas Grothgar (Macbeth)
Photographie S. Hoppe

Drei weiße Lacksofas auf orange-weißem Fußboden, ein Aquarium, kugelförmig die Lampen. Im Hintergrund eine Fototapete: Sonnenuntergang in der Südsee. Kinder stürmen spielerisch die Bühne mit Wasserpistolen. Der Palast wird herausgeputzt mit Chips in Schälchen, eine Überraschungsparty. Die Schlacht hat König Duncan gewonnen. Schnaps, Bier und dazu tanzt Anne Tismer als Monica Macbeth auf dem Tisch erotisch vor den Augen des King.

In Calixto Bieitos Macbeth gibt es viel zu sehen. Viele Parellelhandlungen, die ein Milieu charakterisieren: Eine unzivilisierte, dekadente Welt. Ermöglicht wird dies durch das Bühnenbild Barbara Ehnes. Eine große Vorderbühne, dahinter eine weitläufige Kuhle - Spielplatz für die Gören, Mord und Totschlag finden auf der Galerie statt. Ein Bild, das das hurlyburly, das Shakespeare von den drei Hexen ankündigen lässt, hervorragend umsetzt.

Aber die Hexen fallen aus. Bieito ersetzt sie adäquat durch das geheimnisumwitterte Hausmädchen. Sie kündigt Macbeth seine Herrschaft an, dann schreibt sie: "Seyton was here." Und so beginnt das Gemetzel mit dem Mord an Duncan. Zur Krönungsfeier Macbeths geht es nach draußen zur Beachparty. Fleisch brutzelt auf dem Grill. Die Kinder tollen im Planschbecken. Körper werden in Bikinis vorgeführt und der neue König zeigt seine Stärken im Fußballspiel und Trinken. Alltäglich soll alles sein, da verwundert es auch nicht, dass Frau Macduff bügelt, als Macbeths Schläger sie aufsucht um sie zusammen mit ihren Bälgern zu erwürgen.

Andreas Grothgar fügt sich wunderbar in die Rolle des Macho-Macbeth ein. Er stellt aber auch sehr lebhaft und nahezu akrobatisch den inneren Kampf der Figur mit all seiner Zerrissenheit und seinen Wahnanfällen dar. Eine ebenbürtige Partnerin findet er in Anne Tismer. In ihrer Rolle wahrlich keine Lady mehr, verkörpert sie die naive, tollpatschige Monica. Mit Piepsstimme stolziert sie girlie-like über die Bühne.

Der Spanier inszeniert einen Stierkampf. Eine blutige Bilderflut stürzt auf das Publikum ein. Es bleibt keine Zeit zur Reflexion und der Zuschauer hechelt nach immer neuen Bildern. Er will den großen Töter, den Matador, am Boden sehen. Das bekommt er, aber zu früh. Der Kampf erhält kaum die nötige Steigerung. Spannungsbögen, erzeugt durch die Prophezeiungen, werden nur ungenügend ausgespielt. Die Flucht Malcoms nach England und somit der Gegensatz zur Dekadenz Schottlands werden nur ansatzweise gezeigt.


"Und jetzt: Una festa sui prati!"

Photographie S. Hoppe

Doch am Ende sorgt Bieito noch für eine Überraschung. Macbeth liegt nicht dahingestreckt in der Arena. Er überlebt und bei ihm sitzt die inzwischen festlich herausgeputzte Seyton. Die Zivilisation hält Einzug, aber das Böse lebt fort. Und dann stimmt Grothgar an: "Just remember that death is not the end". Die ganze Truppe grölt "Just remember..." und eines der Kinder versingt sich: "...Macbeth is not the end."

Die letzten Vorstellungen des Münchner "Macbeth" in dieser Spielzeit laufen am Mo 17., Di 18. und Mi 19. Juni in der Jutierhalle der Münchner Kammerspiele (www.muenchner-kammerspiele.de).

J. M. Bairlein
29.05.2002

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