Kultur-Tipp
 

"Fantastische junge Schauspieler" (Siggi Seuss, Mainpost): Susanne Odermatt und Jakob Jan Kaspar als Julie und August

"Ich bin vermutlich gerade glücklich, jetzt..."
norway.today
von Igor Bauersima in der Inszenierung von Anne Maar am Fränkischen Theater Schloß Maßbach

Der Vorhang des gemütlichen intimen Theaters geöffnet, das Saallicht ganz heruntergezogen zu einem warmen, rötlichen Leuchten, die Bühne schwarz und kahl. Eine Art Rampe ist dort aufgebaut, rechts und links zwei kalt und tiefblau leuchtende Bildschirme. Wir nehmen Platz in unseren warmen, gepolsterten Sesseln und blicken in die Kälte. In die Kälte des World Wide Web. So beginnt ein leider allzu seltenes Theatererlebnis: ehrlich, überzeugend und gut gespielt.

Die beiden Akteure erscheinen, setzen sich vor ihre Heimcomputer. Einsam, einander fremd: Julie und August. Sie lernen sich in einem Chatroom kennen und beschließen etwas Ungeheuerliches: sie wollen sich gemeinsam umbringen. Der Plot in Bauersimas Stück, das auf einer wahren Begebenheit im Jahr 2000 beruht, schreibt sich leicht fort. Beide treffen sich in Norwegen, fahren hoch zum ausgewählten Felsen. Und hier beginnt ihr Weg der neuen Selbstfindung. Es scheint doch nicht so einfach, vom Leben zu lassen, das doch eigentlich nichts mehr Neues bieten kann. Und es ist gar nicht so leicht, persönlich miteinander zu kommunizieren, wenn man an das www.gewoehnt.ist.

Anne Maar hat in ihrer engagierten Regiearbeit aus den beiden Darstellern viel herausgeholt. Mit sichtlicher innerer Überzeugung und großer Sicherheit spielen Susanne Odermatt und Jakob Jan Kaspar zwei junge Menschen, die ihr "Ich" verloren haben, in unserer Welt, die alles auf Knopfdruck bereithält, ohne uns wirklich noch etwas zu geben. Ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Unsicherheiten und ihre Verstellungen werden so deutlich, daß man die Wärme im Maßbacher Schloß zu vergessen scheint und sich mit den Beiden hoch über dem norwegischen Fjord wähnt.

Hier wird auch das große Verdienst der Bühnenkonstruktion deutlich, die Jörn Hagen realisiert hat. Die Rampe führt ins Nichts, sicher in den Tod, vielleicht in die Freiheit. Aber auch in die Angst. Die Schauspieler, beide erst kurz ihren Münchner Schauspielschulen entwachsen, spielen gekonnt mit diesem Bühnenelement. Auch das Licht und die Videoexperimente, die die Regisseurin und die Akteure gemeinsam mit Robert Werthmann (Licht, Ton und Technik) umsetzen, bereichern dieses Kammerspiel von höchster Intensität erheblich.

Zum Schluß, es sei verraten, ein (vielleicht etwas zu) rosafarbenes Happy End. Ein vorläufiges. Wie wird es wohl weitergehen mit den Beiden? Den Zuschauern wird jedenfalls etwas klar: Theater kann vieles gleichzeitig: darstellen, unterhalten, betroffen machen, faszinieren, überzeugen. Das geht auch in Maßbach - vehement sogar!

Christoph Thein
28.11.2002

DAS KULTURPLÄTZLE-URTEIL:
Das ist Gegenwartstheater erster Güte! Unbedingt hingehen und ansehen.

Abendvorstellungen gibt es am 29.11. und 9., 10., 13., 19., 20.12. im Intimen Theater Schloß Maßbach. Karten und Infos unter www.fraenkisches-theater.de oder per Telefon unter 09735/235.


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